Vom Bundesheer bleibt de facto nur das Berufsheer

28. Mai 2014, 12:02
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Eigentlich sollte das Bundesheer zu einem verfassungskonformen Milizheer mit attraktiver Grundausbildung werden. Tatsächlich gehen die knappen Ressourcen für Berufssoldaten drauf

Wien - Wie die Zukunft des Bundesheeres aussehen könnte, kann man derzeit im burgenländischen Güssing besichtigen: Die Montecuccoli-Kaserne gilt als eine der modernsten Europas - Zutritt gibt es nur mit Chip (dafür hat man den Wachtposten eingespart), vom zentralen Kommandogebäude kommt man trockenen Fußes in die Unterkünfte und Werkstätten, selbst die Freizeiteinrichtungen sind vom Feinsten. 47 Millionen Euro hat die Bundesimmobiliengesellschaft investiert - zum modernen Militär gehört auch, dass man hier nicht als Eigentümer, sondern als Mieter auftritt, um fünf Millionen Euro pro Jahr.

Wie die Gegenwart des Bundesheeres aussieht, kann man in derselben Kaserne besichtigen: Die Werkstätten, die hier auf modernstem Industriestandard eingerichtet sind, stehen weitgehend leer. Denn die Fahrzeuge, mit denen das hier stationierte Jägerbataillon 19 - das einzige infanteristische Element der 3. Panzergrenadierbrigade - ausgerüstet ist, werden ausgemustert: Die alten Pinzgauer können nicht rentabel repariert werden; Fahrzeuge, deren Reparaturkosten 2000 Euro übersteigen, werden vom Heer verkauft. Ersatz ist nicht in Sicht.

Infanterie geht zu Fuß

Und jene Autos, die doch verbleiben, dürfen nur für Fahrten höchster Priorität eingesetzt werden. Eine Ausbildung der Grundwehrdiener auf dem Pinzgauer ist nicht vorgesehen - eine Ausbildung in taktisch richtigem Fahren schon gar nicht, hört man auch im Verteidigungsministerium.

Wobei es den auf Räderfahrzeuge angewiesenen Teilen der Brigade nicht besser oder schlechter geht als denen, die eigentlich mit Kettenfahrzeugen unterwegs sein sollten: Die Panzer brauchen zu viel Sprit, auch sie stehen zumeist in der Garage, Fahrer und Schützen werden, so gut es eben geht, auf Simulatoren ausgebildet. Das widerspricht der politischen Vorgabe aus dem vergangenen Jahr, als man nach der Zustimmung der Bevölkerung zur allgemeinen Wehrpflicht eine Attraktivierung des Grundwehrdienstes versprochen hat.

Stattdessen muss die Infanterie wie in früheren Jahrhunderten Fußtruppe im eigentlichen Sinn sein - und darf sich schon freuen, wenn wenigstens die Unterkünfte, wie eben in Güssing, auf neuestem Stand sind. Wobei auch in Güssing die Infanterie längst nicht mehr das ist, was man sich im Bundesheer bisher darunter vorzustellen hatte (und was auf der Website des Bundesheeres treuherzig als "Struktur der Jägertruppe" dargestellt wird): Demnach setzt sich eine Jägerkompanie aus einem Führungselement, einem Versorgungselement, einem schweren Jägerzug mit panzerbrechenden Waffen und Scharfschützen sowie drei Jägerzügen zusammen. Macht insgesamt rund 220 Mann.

Rekruten retour

Nicht so in Güssing: Dort rückt einmal im Jahr ein "Vollkontingent" mit 250 Rekruten ein, die auf eine Stabskompanie und drei Jägerkompanien verteilt werden. Nach sechsmonatiger Grundausbildung werden sie wieder heimgeschickt, dann sind die 220 (hauptberuflichen) Kadersoldaten mehr oder weniger unter sich.

Der Militärexperte und langjährige Milizoffizier Alfred Lugert bezeichnet das als Karikatur dessen, was das Bundesheer seinen gesetzlichen Grundlagen entsprechend sein sollte: "Wir haben ein Berufsheer, das regelmäßig Rekruten einberuft, irgendwie ausbildet und am Ende der Ausbildung heimschickt, ohne sie je militärisch zu nutzen."

Lugert verweist auf den verfassungsmäßigen Auftrag, die österreichische Landesverteidigung nach dem Milizprinzip zu organisieren - das würde bedeuten: Das Gros des Heeres bestünde aus Soldaten, die nach einer kurzen Grundausbildung (die Schweiz nennt das "Rekrutenschule") in den Milizstand versetzt werden, um in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen zu Übungen einberufen zu werden.

Schweizer Milizmodell

Dieses Schweizer Milizmodell ist in den 1970er-Jahren für das Bundesheer übernommen worden - der Grundsatz, dass jeder Rekrut nach dem Abrüsten zu weiteren Milizübungen einberufen werden soll, ist aber vom damaligen Verteidigungsminister Günter Platter unter der schwarz-blauen Koalition bereits aufgegeben worden.

Österreichs Bundesheer erinnert heute vielmehr an das Präsenzheer, das von 1955 bis zur Spannocchi-Reform Mitte der 1970er-Jahre das Bundesheer charakterisiert hat. Lugert lässt an diesem System kein gutes Haar: "Das Bundesheer dient heute dazu, um Arbeitsplätze für viel zu teure Beamte zu schaffen. Die Einsatzszenarien rechtfertigen in keinster Weise ein Präsenzheer. Ein Milizheer wäre vor allem billiger. Da bilden idealerweise Milizoffiziere und Milizunteroffiziere, die gestandene Führungskräfte in der Privatwirtschaft sind, in ihrem militärischen Zweitberuf die Soldaten aus. Und die sind dann da, wenn man sie braucht."

Voraussetzung wäre allerdings, dass der Grundwehrdienst wieder in eine Ausbildungs- und eine Übungsphase geteilt wird. So ein Modell ist jedoch weder bei Unternehmen (die die Milizsoldaten regelmäßig für Übungen freistellen müssten) noch bei der Politik beliebt.

Daher wird weiterhin mit wenig Fantasie gespart: Nach Informationen des Standard wird allein heuer jeder zweite von rund 2000 Pinzgauern und Puch G aus dem Bundesheer ausgeschieden. Ob man mit diesem eingeschränkten Fuhrpark etwa noch bei einer Katastrophe ausrücken könnte? Ein (Berufs-)Offizier, der nicht genannt werden will, sagt: "Ja, sicher, wir könnten jederzeit mit 3000 Mann und den entsprechenden Fahrzeugen irgendwo helfen. Aber der Rest des Bundesheeres läge in der Zeit am Boden."

Apropos Boden: Dort bleiben auch die Flugzeuge immer öfter - der Betrieb der Eurofighter ist ungenügend budgetiert, für die 15 Flugzeuge soll es künftig nur noch zwölf Piloten geben.

Nur im Ausland versteht man es immer noch, mit militärischer Kompetenz zu glänzen: Letzte Woche hat die ABC-Abwehrschule ein Vorkommando ins bosnische Überschwemmungsgebiet entsendet, um dort eine Trinkwasseraufbereitung zu installieren, weitere 80 Mann sollen diese Woche folgen. Und aus den Kaderpräsenzeinheiten wurde am Dienstag die regulär in Bosnien eingesetzte Truppe um 118 Infanteristen aufgestockt. Alles Berufssoldaten. (Conrad Seidl, DER STANDARD, 28.5.2014)

  • Schöner Schein: Die Minister Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) und Gerald Klug (SPÖ) lassen sich von Oberstleutnant Thomas Erklinger die Kaserne Güssing zeigen.
    foto: apa/bundesheer

    Schöner Schein: Die Minister Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) und Gerald Klug (SPÖ) lassen sich von Oberstleutnant Thomas Erklinger die Kaserne Güssing zeigen.

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