Weg von den Interessen, hin zu den Rechten

Kommentar der anderen27. Mai 2014, 17:35
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Die Israelis haben sich daran gewöhnt, ihre Nachbarn als Nichtpartner zu betrachten. Ein neuer Diskursstil auf palästinensischer Seite gibt Anlass zur Hoffnung: Der Frieden könnte mit Mitteln zivilen Ungehorsams Realität werden

Warum gibt es wirklich keinen Frieden hier? Wo liegen die Wurzeln von Israels politischer Brutalität und diplomatischer Aggression? Ist unsere zerschmetterte Vergangenheit das Fundament gegenwärtiger Gewalt? Und wenn ja, wie können wir den krankhaften Kreislauf durchbrechen?

Eine kindische Art, damit umzugehen, ist, immer den anderen zu beschuldigen: Nicht ich bin schuld, sondern er! Das gilt auch für politische und diplomatische Beziehungen. Doch die palästinensische Seite kann man nicht alleine der Schuld bezichtigen. Es braucht zwei zum Streiten, und wir sind ein Teil davon. Über die Jahre haben wir uns angewöhnt, die Palästinenser als Nichtpartner zu betrachten. Ihre Einschränkungen wurden für uns zum Grund, dass es keinen Frieden gibt. Das befreite uns davon, in der eigenen Seele nach Verantwortung zu suchen. Wir finden es bequem, dass es niemanden gibt, mit dem wir reden können. Es ist eine Weile her, dass wir bemerkt haben, dass man mit uns auch schon lange nicht mehr reden kann.

Die Antwort auf unsere Unvermögen ist wohl weniger politischer als psychologischer Natur: die Ängste! Der brennende religiöse Eifer ist nur der äußere Umschlag. Er umhüllt den blühenden Nationalismus, die Gier nach Herrschaft, eine israelische Denkweise, die die Grundlage unserer Unfähigkeit darstellt, Frieden und Versöhnung mit unseren Nachbarn zu erlangen. Wir leben in einer Verteidigungshaltung, die der einer Schildkröte gleicht. Wir erwähnen oft den Antisemitismus und die Geschichte der Ablehnung alles Jüdischen. Allerdings lenken wir die Aufmerksamkeit selten auf eigene Normen, Bräuche, die introvertierte Denkweise - Charakteristika, die uns vor möglicher Integration bewahrt haben. So wurde der klassische Kreislauf der Ablehnung geboren, der zu einer Art nationaler Tugend wurde. Nun bürden wir dies dem palästinensischen Rivalen auf.

Wie sehen die Schlüssel der Veränderung aus? Einer davon heißt Zeit. Vielleicht gibt es kein solches Ding wie "Frieden jetzt". Vielleicht sind wir den vergangenen Traumata zu nahe, funktionieren deshalb nicht mit kalter Rationalität, sondern nur mit heißblütigen Emotionen. Vielleicht sollten wir auf die nächste Generation warten, um das umzusetzen, was zwei israelische Generationen nicht gelungen ist.

Der faule Elefant

Der zweite Schlüssel ist hinterlistiger. Er weist den Palästinensern die Verantwortung für Israel zu. Israel erinnert mich an einen faulen Elefanten, der auf der Straße liegt. Er will sich nicht bewegen und fühlt sich stark und groß. In der Politik kommt stets den Hungrigen und Schwachen das Los zu, etwas zu verändern. Die schwachen Palästinenser können den Elefanten zum Aufstehen motivieren wie niemand sonst.

Aber wie? Gewalt bringt uns nicht mehr dazu. Wir sind daran gewöhnt, vielleicht sogar süchtig danach. Jeder Schlag festigt nur die Kette des historischen Schicksals und rechtfertigt die Gegenwart gegenüber der traumatischen Vergangenheit. Nur nichtgewaltvoller ziviler Protest bringt den Elefanten vom Fleck: kreativer, unbeirrter Ungehorsam mit einem Zweck - gleichen Rechten.

Es scheint, als gebe es auf der palästinensischen Seite einen neuen Ton. Eine Verlagerung vom Diskurs der Interessen, des Terrors und der Ehre zu einem der Werte, der Freiheit und der Rechte. Viele Palästinenser sind wütend, aber sie haben keine Furcht mehr, auch nicht vor dem Frieden. Sie verstehen die andere Seite, die Notwendigkeit einer politischen Vereinbarung. Was ihre politische Denkweise anbelangt, sind sie viel weiter als wir: Mehr und mehr Palästinenser agieren ohne Angst und aus der Ideologie eines zivilen Ungehorsams heraus. Darauf hat Israel keine Antwort.

Es wird einmal so aussehen: Zwischen dem Jordan und dem Mittelmeer wird jedes Individuum dieselben Rechte haben. Kein Kollektiv wird über ein exklusives Monopol verfügen. Es wird eine Lösung für das Flüchtlingsproblem geben. Die moralische Ungerechtigkeit und Enteignung der palästinensischen Politik von 1948 und 1967 wird nicht durch ungerechte Fehler im Jahr 2014 repariert werden.

Dickköpfe werden entgegen: Oh, er predigt einen Staat herbei. Andere werden sich wundern: Welches dieser Prinzipien kann nicht auch in zwei Staaten verwirklicht werden? Der Wechsel von Verhandlungen von Interessen und Aggression zu solchen von Werten und Rechten wird wahre Anliegen stärken. Das Ende der Ära der Trennung ist nicht unbedingt eines der Ausweitung der Besetzung oder des Krieges. Die Zeit ist reif für den alternativen Weg, den gemeinsamen. (Avraham Burg, Übersetzung: Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD, 28.5.2014)

Avraham Burg ist Autor und war Politiker der israelischen Arbeitspartei und Sprecher der Knesset.

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