Die Eisenzeit war hübsch gemustert

27. Mai 2014, 21:40
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Die vorgeschichtlichen Salzbergwerke von Hallstatt geben vielfältige Aufschlüsse über die Alltagskultur der Bronze- und Eisenzeit

Hallstatt - Wahrscheinlich haben die Damen ein wenig gescheppert - zumindest bei schnellen Bewegungen. Denn bei festlichen Anlässen trugen sie oft ausladende Klapperblechfibeln, metallene Schmuckstücke, die ihr Kleid an den Schultern fixierten. Ihre Hüften könnten dagegen breite Kupfergürtel geziert haben. Die Griechen nannten ein derartiges Kleidungsstück Peplos: Der "Stoffschlauch", der durch die Schmuckstücke Kontur erhielt, könnte in vielen Fällen blau und mit kunstvoll geknüpften, vielfarbigen Borten verziert gewesen sein.

So stellen sich die Archäologen in etwa die Dame von Welt in Europas später Eisenzeit, ungefähr 500 Jahre vor Christus, vor. So könnte auch die Kleidung im damaligen Hallstatt ausgesehen haben, das dank seiner ergiebigen Funde für diese vorrömische Epoche namensgebend ist.

"Hallstatt hat ein neues Bild gezeigt, was Qualität und Muster der Stoffe betrifft", erklärt Karina Grömer, die sich in der Prähistorischen Abteilung des Naturhistorischen Museums (NHM) Wien mit archäologischen Textilien beschäftigt. Was damals im Berg blieb, wurde im Salz konserviert. Und das so gut, dass auch die Materialeigenschaften die alten blieben. Oft können Textilforscher lediglich auf Funde zurückgreifen, die angerostet an Bronzegegenständen die Zeiten überdauerten. Nicht so in Hallstatt: "Wir haben die Farben", sagt Grömer.

Textilforscher unter sich

Die Wissenschafterin stellte die österreichische Textilforschung auch im Rahmen des Nordeuropäischen Symposiums für archäologische Textilien (Nesat) vor, das vergangene Woche etwa 200 Archäologen, Konservatoren und Handwerker nach Hallstatt brachte. Die Bandbreite der Erkenntnisse, die der vom NHM organisierten Kongress versammelte, reicht von Spindeln aus dem vierten vorchristlichen Jahrtausend über Textilwerkzeuge aus schwedischen Wikingergräbern bis hin zu golddurchwirkten Stoffen aus der Renaissance sowie Totenkleidern aus den 18. Jahrhundert nach Christi Geburt.

Die Hallstätter Beiträge zur Textilforschung zehren von bis zu dreieinhalbtausend Jahren alten Fundstücken, die vom Salz nur leicht gebleicht heute wieder zum Vorschein kommen. Allerdings liegt es wohl auch am Bergwerk als Ort der Konservierung, dass die Archäologen noch keinen vollständigen Peplos aus dem Salz schälen konnten.

Gefunden wurden hingegen kleinere Textilstücke, die mit unter Tags genommen wurden. Sie verweisen laut Grömer auf ein ausgefeiltes "Ressourcenmanagement" der alten Hallstätter: Die Stoffreste sind "Recylcingprodukte", aufgetragene Kleidungsstücke, die im Berg einem neuen Zweck, vielleicht als Tragsäcke, zugeführt wurden. Denn die Stücke seien durch ihre Feinheit, die mit heutigen Stoffen vergleichbar sei, durch ihre Muster, ihre Ausgeschmücktheit und ihre sorgfältigen Flickungen weit weg von purer Zweckmäßigkeit. Und, so Grömer, es fanden sich konservierte Menschenläuse in den Geweben.

An den Hallstätter Funden kann nachvollzogen werden, wie sich die Qualität der Stoffe im Lauf der Bronze- und Eisenzeit verbesserte. Webmethoden wie die Panamabindung oder die Köperbindung waren damals bereits bekannt. Auch dicke Garne und Loden kommen vor. Farben von Indigo aus der Färberwaid-Pflanze bis zum kostbaren Rot aus der Cochenillelaus fügten sich zu vielfältigen geometrischen Mustern.

Sogar die Entstehung der Schafrassen sei aus den Stoffen ableitbar, erklärt Grömer. Die oft verwendete Schafwolle, die anfangs noch grob und kratzig war, wurde im Lauf des Domestizierungsprozesses immer feiner und weicher. Weiß war bevorzugt, weil es Farbe aufnahm.

Dort, wo sie die Textilstücke fanden, graben die Archäologen, unterstützt von den Salinen Austria und den Hallstätter Salzwelten, eine ganze Reihe von Überbleibseln einer vermutlich 7000 Jahre alten Bergbaukultur aus. Die schmalen Forschungsstollen führen tief in die einstigen Abbauhallen, die bei Hangrutschungen in der Bronze- und Eisenzeit verschüttet wurden. Holzspäne, Pickel, Säcke, Kuhhäute, Fäkalien, Seile wurden, nachdem sie unbrauchbar geworden waren, einfach im Berg zurückgelassen und bilden vermischt mit feinem Salz das sogenannte Heidengebirge.

Aufschlussreiche Müllhalde

Die Funde in dieser prähistorischen Müllhalde lassen für NHM-Ausgrabungsleiter Hans Reschreiter die Hallstattkultur in vielen Details wiederauferstehen - unter anderem auch durch eine vor mehr als 3000 Jahren verschüttete Stiege, die zurzeit restauriert und erforscht wird. Reschreiter und seine Kollegen rätseln dabei etwa über die ungewöhnlichen Abnutzungsspuren an der Holzkonstruktion. Vielleicht sei die Treppe noch keine solche im heutigen Sinn gewesen, mutmaßt der Archäologe. Vielleicht müsse man sich die acht Meter lange Konstruktion als eine Art erweiterten Steigbaum vorstellen, bei dem die Salzträger anders als bei einer Stiege den Fuß nur seitlich auf die Holzstreben aufsetzten. Eine Hypothese, die erst noch bewiesen werden muss.

Ein Haupttreffer für die Archäologen wäre, wenn der Berg wie bereits einmal im Jahr 1734 eine vollständig erhaltene Salzleiche freigeben würde. Damals wurde die Bedeutung des Fundes nicht erkannt. Der Tote wurde bestattet. Das Wissen, das er barg, ging für die Wissenschaft verloren. Ein historisches Dokument erwähnt aber weitere Leichen im Salz des sogenannten Kilbwerks, die nicht geborgen wurden. Ist die Arbeit an der Stiege einmal abgeschlossen, werde man aber erneut in diesem weitläufigen Areal graben. (Alois Pumhösel, DER STANDARD, 28.5.2014)

  • Die Stoffe aus dem Hallstatt der Eisenzeit, die im Salzbergwerk die Zeiten überdauerten, erstaunen durch ihre Vielfalt an Mustern und Farben.
    foto: nhm wien / a. rausch

    Die Stoffe aus dem Hallstatt der Eisenzeit, die im Salzbergwerk die Zeiten überdauerten, erstaunen durch ihre Vielfalt an Mustern und Farben.

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