Brasilien vor der WM: "Ich bin bereit, in diesem Kampf zu sterben"

28. Mai 2014, 09:44
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Viele Brasilianer finden, dass die Milliarden für die teuerste WM aller Zeiten besser in Bildung, Gesundheit und Infrastruktur hätten investiert werden müssen. Eine wütende Demonstrantin und ein Polizist erzählen, was sie antreibt

Drohend erhebt ein kräftiger Polizist seine Hand, um sie auf Maria (Name geändert) niedersausen zu lassen. Diesmal ist es zum Glück nur eine Theaterkulisse, aber die zierliche Schülerin weiß, wie es sich anfühlt. Vor einem Jahr wurde sie bei Demonstrationen gegen die Fußballweltmeisterschaft in Brasilien von der Polizei verletzt. Wenn Deutschland am 16. Juni in Salvador da Bahia sein erstes WM-Spiel gegen Portugal bestreitet, wird die 20-Jährige vor der neu erbauten Arena demonstrieren.

"Ich bin bereit, in diesem Kampf zu sterben", sagt Maria mit ruhiger Stimme. "Der Kampf gegen die Fifa ist für mich vergleichbar mit dem Kampf, den unsere schwarzen Vorfahren gegen die Sklavenhalter geführt haben", sagt sie. Sie probt mit Freunden ein Theaterstück über Polizeigewalt. "Wenn Journalisten und Kameras dabei sind, halten die Polizisten sich zurück, aber wenn sie sich unbeobachtet fühlen, machen sie, was sie wollen", behauptet sie.

Confed-Cup als Generalprobe

Was 2013 beim Confederations Cup als Protest gegen Fahrpreiserhöhungen in São Paulo begann, weitete sich schnell zu landesweiten Protesten unter anderem gegen die WM aus, die viele Brasilianer als gewaltiges Geldverprassungsspektakel empfinden.

Als der fünffache Fußballweltmeister 2007 den Zuschlag für die WM bekam, schwappte zunächst eine Welle der Euphorie durch das Land. Die Fans hofften, dass ihr Team zu Hause den Titel holen würde; die Bürger hofften, dass sich durch Investitionen die Lebensbedingungen für die rund 200 Millionen Einwohner verbessern würden. Der damalige Präsident Lula da Silva weinte vor Glück. Doch jetzt herrscht fast im ganzen Land Katerstimmung - vor der geplanten Party.

Um Platz für WM-Bauten zu schaffen, wurden tausende Menschen umgesiedelt, oft gegen ihren Willen. Dennoch werden viele der angekündigten Bauvorhaben gar nicht oder erst in letzter Sekunde fertig werden. Nie zuvor ist ein WM-Land so in Verzug geraten. Die durch Spezialeinheiten der Militärpolizei angekündigte "Befriedung" der gefährlichen Armenviertel, in denen Drogengangster das Regiment übernommen hatten, gelang nur teilweise und unter Einsatz heftiger Gewalt. Immer wieder wird der Polizei Rassismus vorgeworfen.

"Denen", damit meint Maria ein diffuses Feindbild aus Regierung und Fifa, "ist doch völlig egal, was mit uns, den Leuten aus den Favelas, passiert. Die wollen doch nur, dass Salvador eine schöne Kulisse abgibt" , sagt das Mädchen aus dem Armenviertel.

Massive soziale Probleme

Tatsächlich ist die Situation in vielen staatlichen Krankenhäusern katastrophal, in der internationalen Pisa-Studie belegt Brasilien den 58. von 65 Plätzen, immer wieder kommt es zu Stromausfällen, viele Arbeiter verbringen jeden Tag Stunden in überfüllten Bussen und Bahnen, um zur Arbeit zu kommen.

Vor einem Jahr waren laut dem Meinungsforschungsinstitut Datafolha noch 65 Prozent der Befragten für die WM, im April lag die Zustimmung nur noch bei 48 Prozent. Mehr als die Hälfte der Befragten stimmt mittlerweile den Protesten zu. "Es wird keine Weltmeisterschaft in Brasilien geben", rufen Maria und die Mitglieder der Protestbewegung. "Es wird die beste WM aller Zeiten", sagt Präsidentin Dilma Rousseff von der linken Arbeiterpartei PT, und es klingt wie das Mantra einer Mentaltrainerin, die den Glauben an sich selbst verloren hat.

Schon jetzt kriminalisieren die Behörden deshalb den Widerstand und setzen auf Polizei, Geheimdienst und notfalls die Armee, um zu verhindern, dass die Demonstrationen das Fußballfest, das live bis in jeden Winkel der Welt übertragen wird, überschatten werden.

Kein Verlass auf die eigene Polizei

Doch selbst auf die eigene Polizei kann die Regierung sich nicht verlassen. Als Polizisten im April in Salvador streikten, wurden in der Millionenmetropole innerhalb zweier Tage mindestens 39 Menschen getötet. Viele Brasilianer vermuten, dass Polizisten sich am Morden beteiligten, um ihren Forderungen mehr Nachdruck zu verleihen. Jetzt sieht es in Salvador wieder friedlich aus, zumindest dort, wo die WM-Touristen sich tummeln werden.

"Ich will ehrlich sein. Es kann wieder zu Streiks kommen, unsere Forderungen sind nicht erfüllt", erzählt ein Polizist, der anonym bleiben will. "Ich habe Verständnis für die Demonstranten. Wir warten seit Jahren auf eine U-Bahn. Dafür gab es nie Geld. Und für die WM-Stadien ist plötzlich Geld da. Kein Wunder, dass die Leute sauer sind."

Eine Rechtfertigung für Gewalt dürfe die Unzufriedenheit jedoch nicht sein. "Wenn wir bei einer Demonstration mit Steinen und Molotowcocktails angegriffen werden, wird es kompliziert. Wir können dann nicht mehr zwischen friedlichen Demonstranten und Randalierern unterscheiden, aber wir müssen uns wehren", sagt der Staatsdiener. (Philipp Hedemann aus Salvador da Bahia, DER STANDARD, 28.5.2014)


Hintergrund: Teure Großveranstaltung

Seit 9/11 stiegen die Kosten für Events wie Fußball-WM und Olympia dramatisch. In den Bewerbungsunterlagen des Fußballweltverbandes (Fifa) und des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) ist festgehalten, dass die Veranstalter alle einschlägigen Ausgaben zu tragen haben.

Olympia 2000 (Sydney) budgetierte mit umgerechnet 230 Millionen Euro, Olympia 2004 (Athen) bereits mit mehr als 650 Millionen. Bei Olympia 2008 (Peking) soll die Grenze von einer Milliarde Euro leicht geknackt worden sein. Olympia 2012 (London): 1,5 Milliarden. Brasilien 2014 wird die erste Fußball-WM mit Sicherheitskosten von rund einer Milliarde. (red)

  • An vielen Austragungsorten, etwa in Petrópolis, Rio de Janeiro oder Salvador da Bahia wird gegen die teure Fußball-Weltmeisterschaft protestiert.
    foto: epa/ moreira

    An vielen Austragungsorten, etwa in Petrópolis, Rio de Janeiro oder Salvador da Bahia wird gegen die teure Fußball-Weltmeisterschaft protestiert.

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