Babylonische Smartphone-Verwirrung

27. Mai 2014, 17:45
posten

Mit der Uraufführung von "Spam" huldigt Roland Schimmelpfennig im Hamburger Schauspielhaus der schönen neuen Kunst der Verständigung

An der rückwärtigen Bühnenwand des Hamburger Schauspielhauses hat Bühnenbild-Altmeister Wilfried Minks die kinoleinwandgroße Reproduktion einer niederländischen Darstellung des Turmbaus zu Babel (Marten van Valckenborch, 1595) angebracht. Der Turm steht auf dem Kopf, und doch hängt das Bild ganz richtig. Denn die Hybris der Turmbauer strebt hier nicht himmelwärts, sie bohrt sich unter Tage. Babylon fährt in die Grube.

Denn dort liegt der Stoff begraben, der für das unablässige babylonische Geposte, Gezwitscher und Geschnatter benötigt wird: Coltan. Kein Handy, erst recht kein Smartphone funktioniert ohne dieses Erz, das in zentralafrikanischen Minen von schlecht bezahlten Arbeitern, häufig Kindern, unter gefährlichen und menschenverachtenden Bedingungen abgebaut wird. Ohne Coltan kein Selfie und keine Social-Media-Dauerpräsenz. Ohne Coltan wären wir ein globales Heer von resonanzlosen Nicht-Ichs.

Beim anstrengenden und bisweilen auch angestrengten Versuch, das neue Stück des Dramatikers Roland Schimmelpfennig uraufzuführen, rutscht auch der Regisseur Roland Schimmelpfennig nicht ohne eigenes Zutun in die babylonische Grube. Man mag das Werktreue nennen. Oder verständlichen Mangel an Distanz des Regisseurs zu seinem eigenen Text. Offensichtlich wird jedenfalls, dass der Dramatiker dem Regisseur gleichen Namens weit voraus ist und Letzterem beim Bemühen, Schritt zu halten, ziemlich rasch die Puste ausgeht.

Womöglich ist Schimmelpfennigs neues Werk das erste Theaterstück, das vollständig im Verfahren des Wertstoffrecyclings hergestellt wurde. Es besteht aus nichts anderem als Müll, und zwar Müll unterschiedlichster Art: Kommunikationsmüll, Beziehungsmüll, Facebook-Müll, Musikmüll, Politmüll. Folgerichtig nennt der Autor es schlicht Spam. Ein ungeheuer kunstvoll, rhythmisch suggestiv komponierter passionsoratorischer Abgesang auf den Menschen als einem Wesen, das die Fähigkeit besitzt, mit sich selbst ins Gespräch zu kommen und sich redend und verstehend die Welt anzueignen.

Weben und Fließen

Dem Regisseur aber fehlt der Mut, dem verstörenden Sound des eigenen Textes zu vertrauen und ihn als das zu inszenieren, was er eigentlich ist: eine Tragödie des Erzählens und Zuhörens. Das unaufhörliche rhapsodische Weben und Fließen von Stimmen und Stimmungen, in dem zur Orientierung höchstens mal ein paar biografische Schnipsel wie Glühwürmchen kurz aufleuchten und wieder verschwinden, wird behelfsmäßig mit Figuren eingedeicht, die der Autor zu zeichnen geflissentlich vermieden hat.

Es gibt zwar so etwas wie eine Handlung (oder zwei? oder drei?), in der ein weißer Grubendirektor, ein "Riese", das erotische Entgegenkommen der Witwe dafür verlangt, nach ihrem verschütteten Mann zu graben, und statt der gesuchten vierhundert andere Leichen zutage fördert. Dabei verliert er das sexuelle Interesse an der Kapitänin jenes Frachters, der seine Bodenschätze abtransportiert, worauf ihm die Verschmähte mit viel Theaterblutgespritze das rasende Herz herausoperiert und durch einen Stein ersetzt.

Gleichzeitig fährt der Riese mit dem Mann, dessen Leiche er nicht gefunden hat, in einer überfüllten U-Bahn, in der alle autistisch am Handy hängen, durch die Tunnel seines Körpers, bis Bahn und Körper explodieren und der Riese in die eigene Grube geworfen wird.

Das aber sind Gespenster, keine Figuren, an denen man sich analytisch beruhigen könnte. Gespenster, die Angst machen. Man verlässt das Theater mit mulmigem Gefühl. Vor allem, weil einem der letzte Satz nicht aus dem Kopf geht: "Machen wir weiter."(Oswald Demattia aus Hamburg, DER STANDARD, 28.5.2014)

  • Vor einem Bild von van Valckenborch: Szenen aus der babylonischen Coltan-Grube.
    foto: matthias baus

    Vor einem Bild von van Valckenborch: Szenen aus der babylonischen Coltan-Grube.

Share if you care.