Eine Ausstellung als Familiensaga

27. Mai 2014, 17:00
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"Malverwandte" über fünf Generationen im Museum des Nötscher Kreises

Nötsch - Das Museum des Nötscher Kreises in der ehemaligen Bäckerei und Mühle der Familie Wiegele in Nötsch ist das namhafteste Kunstmuseum in der tourismusintensiven Region Oberkärnten. 1998 gegründet, war es bisher jährlich in seinen Sommerausstellungen vor allem den vier Malerfreunden Sebastian Isepp (1884-1954), Franz Wiegele (1887-1944), Anton Kolig (1886-1950) und Anton Mahringer (1902-1974) gewidmet.

Deren Bedeutung für die österreichische Zwischenkriegsmalerei ist kunsthistorisch ziemlich ausgeleuchtet. In der soeben eröffneten 17. Saison wird in dem Haus erstmals eine andere Entwicklungslinie verfolgt: die teilweise frappanten Gemeinsamkeiten in den künstlerischen Positionen der Malerfamilie Kolig-Wiegele über fünf Generationen hinweg.

Malverwandte heißt die Schau, die in den vier Ausstellungsräumen einige exemplarische Arbeiten des 72-jährigen Malers und Installationskünstlers Cornelius Kolig in einen aufschlussreichen Kontext mit Werken seines Großvaters Anton Kolig, seines Großonkels Franz Wiegele, seines Vaters Thaddäus Kolig und seines Enkels Benedikt Nöth stellt. Thematische Gemeinsamkeiten wie die Auseinandersetzung mit dem Familienbild, die alle verbindende elementare Lust an der Farbe und ihrem Auftrag, das konstant erscheinende Gelöbnis gegenüber der Kunst, auch um den Preis der Provokation die Sinnlichkeit des eigenen Körper- und Welterlebens nicht zu verraten, aber auch die schicksalhafte Erblast der familiären Zugehörigkeit werden in der Ausstellung wahrnehmbarer, als sie es bisher waren. Man begeht gleichsam eine Familiensaga in Form einer Ausstellung.

Ist denn Anton Koligs Selbstbildnis im Hemd, die nackte Kehrseite dem Betrachter zugewandt, dieser grandiose Klassiker des Nötscher Kolorismus, wirklich weniger provokant als Cornelius Koligs 60 Jahre später entstandenes Familienbild Kaiser/Kolig, nur weil Letzteres die Individualitäten in ihren allermenschlichsten Markierungen zu erfassen versucht? Wobei die schamhafte Weigerung der Mutter, die Spur ihres Bächleins auf einer Leinwand zu verewigen, ohnehin in Form eines leeren Quadrats als Reflex der bestehenden Tabugrenzen vorhanden bleibt.

Die Buntheit der Blüten

Nun, jedenfalls sollte man über die Diskussion darüber nicht das familiäre Gefüge außer Acht lassen, zu dem die fünf Tafeln zusammengesetzt sind und das in sehr witziger Weise durchaus in Auseinandersetzung mit den ebenfalls gezeigten Familienbildern Anton und Thaddäus Koligs die heutigen Strukturen der kleinsten Gesellschaftszelle reflektiert.

Wer, weil er vielleicht gerade auf Urlaub ist, weniger nachdenken und mehr genießen will, dem sei die Ausstellung (Kuratoren: Jutta M. Pichler und Cornelius Kolig) einfach als Farberlebnis ans Herz gelegt. An dem beteiligt sich lustvoll auch schon Cornelius Koligs kleiner Enkel Benedikt Nöth. Dann ist man unbewusst auch mitten in der "Geburt der Malerei", die selbstverständlich schon frühkindlich ihre Ausprägung findet. Erst später kommt die Buntheit der Blüten, deren geschlechtliche Funktion, botanisch betrachtet, Cornelius Kolig nicht zu erwähnen vergisst, wenn er durch die Ausstellung führt. Aber die Gladiole vor der Scham, die hatte ja schon seinerzeit Thaddäus Kolig seiner Frau Manja zugedacht. (Michael Cerha, DER STANDARD, 28.5.2014)

Bis 26. Oktober, Mittwoch bis Sonntag und feiertags 14-18 Uhr

  • Ein Beispiel für den Nötscher Kolorismus: das Ölgemälde "Die Malerfamilie" von Anton Kolig (um 1933).
    foto: ferdinand neumüller

    Ein Beispiel für den Nötscher Kolorismus: das Ölgemälde "Die Malerfamilie" von Anton Kolig (um 1933).

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