Die Genetik von Kooperation

29. Mai 2014, 12:00
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Ameisenforscherin Birgit Schlick-Steiner untersucht Evolution auf Molekularebene

"Es gibt nichts, was es nicht gibt bei Ameisen", sagt Birgit Schlick-Steiner. "Diese Organismen sind einfach verrückt." Dann erzählt die Biologin von der Uni Innsbruck von parasitären Arten, die die Königin eines anderen Volkes umbringen, um sich dann von Sklavenarbeiterinnen ernähren zu lassen. Von bizarren Intrigen, merkwürdigen Verwandtschaftsverhältnissen und ausgefeilten Symbiosen mit Pilzen.

Mittlerweile hat die Ameisen-Expertin, die seit 2008 eine in Österreich einzigartige Forschungsgruppe zu molekularer Ökologie leitet, ihren Fokus auf Fliegen, Weberknechte und anderes Getier ausgedehnt. Ihr Team verbindet Genetik, chemische Analysen, Evolutionsbiologie und Ökologie, um zu ergründen, warum manche Populationen kooperativ und andere aggressiv agieren. Oder wie sich neue Arten ausbilden und wie Anpassungsmechanismen funktionieren. Für ihre Arbeit wurde Schlick-Steiner von der Initiative Femtech des Infrastrukturministeriums zur Expertin des Monats Mai gewählt.

Mit Kooperation hat Schlick-Steiner selbst einige Erfahrung: Im Zuge ihres Diplomarbeitsprojekts - eine Bestandsaufnahme der Ameisenarten von Wien - lernte sie ihren heutigen Mann, den Biologen Florian Steiner, näher kennen. Seither leben und forschen sie im Doppelpack. Da passte es nur, dass Schlick-Steiner gleich zu Beginn der gemeinsamen Doktorarbeitszeit Zwillinge zur Welt brachte. "Wir haben uns abgewechselt beim Babysitten, Datenauswerten und Schreiben", sagt die 39-Jährige.

Nach einer Postdoc-Phase an der Universität für Bodenkultur in Wien ergatterten beide ein Schrödinger-Auslandsstipendium des Wissenschaftsfonds FWF - und so zog die ganze Familie für zwei Jahre nach Australien, wo sie an der James-Cook Universität in Townsville in die Forschung zu Evolution und Ausbreitung eurasischer Ameisen eintauchten. Die Stelle an der Universität Innsbruck, für die sich Schlick-Steiner bewarb, kam wie gerufen. Ihr Mann stieß dann über eine Postdoc-Stelle zu ihrer Gruppe. Unis sollten aktiv Karrieremöglichkeiten für "produktive, kooperative Paare" anbieten, fordert Schlick-Steiner. "Eins und eins ist ganz sicher mehr als zwei", sagt sie über die Vorteile von enger Teamarbeit.

Aktuell erforscht die Gruppe rund um Schlick-Steiner, inwieweit sich eine alpine Taufliegenart an den zu erwartenden Klimawandel anpassen kann - und wie schnell das geht. Dazu halten die Forscher die Fliegen in Kammern, in denen die Temperatur kontinuierlich steigt.

Am Ende werden dann mittels neuer DNA-Sequenzierungstechnologien die Genome mit jenen einer Kontrollgruppe verglichen. Mit derselben genomischen Methode untersucht Schlick-Steiner auch die nestübergreifende Kooperation bestimmter Ameisen.

Letztlich ist es Biodiversität, im Sinne genetischer Vielfalt innerhalb einer Art, die für viele dieser Prozesse verantwortlich sein dürfte - und die ist durch die Zerstörung natürlicher Lebensräume in Gefahr, betont Schlick-Steiner. Noch ist die Vielfalt bei Insekten "extrem groß" - dementsprechend viele Rätsel sind noch zu lösen.

Ausgleich schafft sich die Forscherfamilie unter anderem durch Karate: Alle vier Mitglieder stehen vor dem schwarzen Gurt. In diesem Kampfsport sei es allerdings wie in der Wissenschaft, sagt Schlick-Steiner: "Man lernt ein Leben lang." (Karin Krichmayr, DER STANDARD, 28.5.2014)

  • Schlick-Steiner ist Teil eines kooperativen Forscherpaars.
    foto: privat

    Schlick-Steiner ist Teil eines kooperativen Forscherpaars.

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