Gezi-Bewegung: Die türkische Seite wiederentdeckt 

Rezension27. Mai 2014, 15:11
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Am Mittwoch jährt sich der Beginn der Gezi-Park-Proteste in der Türkei. Die Bewegung strahlte auch auf die türkischsprachige Community Deutschlands aus und führte zu einer stärkeren Politisierung einer jungen deutsch-türkischen Generation

Mittlerweile sind sowohl auf dem türkischen als auch auf dem deutschen Markt einige Bücher zum Thema Gezi erschienen. Manche von ihnen verarbeiten persönliche Erfahrungen während der Proteste oder sind in Form einer Nacherzählung angelegt. Die beiden Autorinnen Ebru Tasdemir und Canset Icpinar gehen mit "Ein 'türkischer' Sommer in Berlin: Die Gezi-Bewegung und der Traum von Demokratie" allerdings einen anderen Weg, indem sie die Auswirkungen der Proteste auf eine junge deutsch-türkische Generation im Herzen der deutschen Bundeshauptstadt skizzieren.

"Türkische" Seite wiederentdeckend

Den Autorinnen gelingt dabei ein dichter, atmosphärisches Einstieg, da sie ihre eigenen Empfindungen und Gedanken einweben und dem Leser somit verdeutlichen, wie zwei deutsch-türkische Autorinnen selbst ihre "türkische" Seite im Schatten der aufflammenden Proteste wiedergefunden haben. Solidaritätsaktionen in Berlin mit den Protestierenden in Istanbul sowie die engen wechselseitigen Beziehungen zwischen den beiden Städten auf sozialer und kultureller Ebene werden dabei besonders herausgearbeitet und machen nachvollziehbar, warum es insbesondere in Berlin zu anhaltenden Sympathiebekundungen für die Gezi-Proteste gekommen war.

Garniert wird diese alternative, distanzierte Sicht auf die Proteste in Istanbul durch abwechselnde Interviews mit Deutschtürken, die ihrerseits über ihre Erfahrungen und Gefühle reflektieren und ihre jeweiligen Beweggründe erläutern, warum und wie sie sich mit den Protesten solidarisiert haben. Insbesondere das Interview mit einem jungen Studenten und Blogger zeichnet dabei ein akkurates, weil widersprüchliches Bild: Aus einer konservativen Familie stammend, verfolgt er die Ereignisse über die sozialen Netzwerke, während er sich entgegen seiner Sozialisierung mit den Protesten in Istanbul solidarisiert.

Soziale Netzwerke

Womit wir bei einem sehr wichtigen Aspekt angekommen sind: dem der sozialen Netzwerke. Die entscheidende Rolle der sozialen Netzwerke für die Proteste in Istanbul wurde hinreichend erläutert und diskutiert, doch im vorliegenden Buch wird die Rolle der sozialen Netzwerke für die türkischsprachigen Communitys in Europa (nicht nur in Deutschland) klarer herausgearbeitet: nicht nur als Informationskanäle, sondern auch als Plattformen für Solidarisierung und Zusammenarbeit, aber eben auch als Arenen der politisch bedingten Debatten mit Freunden und Bekannten.

Wer also keine bloße Nacherzählung zu den Gezi-Park-Protesten haben will, sondern sich mehr für die anhaltenden Auswirkungen auf die Diaspora-Gemeinden interessiert, ist mit dem vorliegenden Werk gut beraten. (Timur Rusen Aksak, daStandard.at, 27.5.2014)

Canset Içpinar, Ebru Taşdemir

Ein "türkischer" Sommer in Berlin

Die Gezi-Bewegung und der Traum von Demokratie

Orlanda-Verlag

175 Seiten, 15,50 Euro

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