Von Nichtwählern bis Schrebergarten-Scheiß: Zehn Gedanken zur EU-Wahl

Leserkommentar27. Mai 2014, 13:57
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Worüber man bei der EU-Wahl den Kopf schütteln musste

1) Die Nichtwähler haben die absolute Mehrheit. Aber ehe jetzt das große Kopfschütteln über das Demokratieverständnis der Verweigerer einsetzt, sollten sich lieber die Politiker überlegen, warum sie nicht imstande sind, im Wahlvolk ein Selbstverständnis zur Bedeutung eines Urnengangs zu erzeugen.

Nur: Die tun das nicht. Die sagen statt dessen nach jeder Wahl in phrasender Geschwindigkeit, dass man diese Abkehr der Menschen unbedingt hinterfragen und analysieren müsse, um sie danach auf keinen Fall zu hinterfragen und zu analysieren.

2) Othmar Karas ist nicht wegen der ÖVP, sondern trotz der ÖVP Erster geworden. Und weil er diesen streberhaften, bürokratischen, humorlosen Charme versprüht, der im Kontext mit "denen da oben in Brüssel“ durchaus als Fleiß, Verlässlichkeit und Kompetenz verstanden wird.

Dennoch sollten sich die Schwarzen fragen (so sie vor lauter Umarmungen und Freudentränen überhaupt noch Luft bekommen), wie es sein kann, dass sie wieder fast drei Prozentpunkte verloren haben. Obwohl neben den Nichtwählern auch die 17 Prozent der Martin-Wähler abzuholen gewesen wären.

Spindelegger kann jedenfalls nach der routinemäßig falschen Einschätzung der Ereignisse kurz durchatmen. Und sich bei der SPÖ für deren Fehlgriff-Faible bedanken.

3) Über den Politiker Eugen Freund ist genug gesagt und geschrieben, gestaunt und gelacht, gehöhnt und gespottet worden. Tatsache ist, dass der dummdreiste Versuch, mit einer populistischen Personalrochade einen Wahlcoup zu landen, bestraft wurde. Der Faymannismus bleibt provinziell, billig und erschreckend vorherseh- und durchschaubar.

Dass die SPÖ-Geister, die bei der EU-Wahl 2009 fast zehn Prozentpunkte verloren haben, uns 2014 das Einbetonieren dieses Desasters ernsthaft als Erfolg verkaufen wollen, hat aber nicht einmal mehr das Zeug zur Frechheit. Es ist statt dessen in seiner einzigartigen Unbeholfenheit fast schon bemitleidenswert rührend.

4) Die FPÖ sieht das Plus vor den Prozentpunkten und grunzt das rituelle "Jetzt geht’s los!“ In Wahrheit müssten sich die Blaumänner fragen, warum sie nicht den geringsten Plan haben, wie sie Nummer eins werden.

Wann, wenn nicht diesmal, hätten sie es packen können? Denn nicht nur, dass HPM eine Lawine von Stimmen zur Verfügung stellte – während sich vier proeuropäische Parteien um den Sternenbanner-Kuchen stritten, besaßen sie für diese Wahl auch noch das EU-ist-pfui-gack-Monopol. Von ein paar verhaltensauffälligen Einzelkämpfern abgesehen.

Und trotzdem fand nicht einmal jeder fünfte Wähler, dass Strache und Vilimsky auch nur irgendwas richten können – schon gar nicht bei den ganzen Ausländern in Brüssel, die was kein Deutsch verstehen.

5) Wer sich von zehn auf fünfzehn Prozentpunkte, von zwei auf drei Mandate steigert, ist zweifellos ein Gewinner dieser Wahl. Vor allem das Ergebnis in Wien ist erstaunlich. Und dennoch: Die Spitzenkandidatin hat mit Fortdauer dieses Wahlkampfs so viel Profil gewonnen, dass man sich fragen muss: Warum wurde Ulrike Lunacek nicht schon früher und intensiver in die Manege gelassen? Das Match gegen die NEOs haben die Grünen jedenfalls souverän für sich entschieden.

6) So leidenschaftlich kann man Bäume gar nicht umarmen, dass sie am Ende in den Himmel wachsen. Die NEOS haben erstmals von allen möglichen Seiten Gegenwind gespürt und sind damit nicht fertig geworden.

Von null auf acht Prozentpunkte ist zwar ein respektables Ergebnis, aber für die Zukunft wird der Flügelzangen-Schmäh als Strategie nicht reichen. Der Überraschungseffekt ist Geschichte, jetzt braucht es tiefgehende Substanz statt Skikurs-Aktionismus.

Ob es die richtige Spitzenkandidatin war, ist fraglich. Ob ein Auszug aus dem Parlament als Stilmittel gut ankommt, hingegen nicht. Diese Idee hat vermutlich mehr Schaden angerichtet als die Wasser-G'schicht.

Angelika Mlinar hat es jedenfalls vorweg genommen, auch die NEOS-Realität lautet längst schon: “Scheiße, das ist echt schwierig“.

7) Mein erster Tweet heute war: "Dann schläft man einmal drüber, um plötzlich wie ein Brennen die Frage zu spüren, wie ein Europa ohne REKOS funktionieren soll“.

Und Dieter Chmelar antwortete: "Fällt das Abschneiden der REKOs eigentlich unter Ewaldsterben?“

Mehr gibt es zu dieser als letzten Kreuzzug proklamierten sonderbaren Parteilaune nicht mehr zu schreiben.“

Ach ja, das BZÖ sollten wir in diesem Zusammenhang nicht vergessen. Zu diesem gibt es folgendes zu sagen:

8) Die größten Verlierer dieser Wahl sind die Meinungsforscher. Die haben uns monatelang ein Kopf-an-Kopf-Rennen um Platz 1 zwischen ÖVP, SPÖ, FPÖ prognostiziert. Und dazu noch eines um Platz 4 zwischen Grünen und NEOS.

Von einem "Knapp daneben“ kann aber eher nicht gesprochen werden, wenn die Umfragen (von Mitte Mai) bis zu sechs Prozentpunkten neben der Realität liegen. Die Frage, was wir daraus lernen, stellen wir uns natürlich nicht. Denn obwohl das große Falschliegen schon längst systemimmanent ist, werden die Medien nach dem obligatorischen "Da schau her, so weit daneben“ auch weiterhin ganz aufgeregt Barometerstände und Antworten auf die berühmte Sonntagsfrage veröffentlichen. Denn es regiert das Momentum der Schlagzeile.

Aber ehrlich: Auf 22 oder 23 Prozent für Karas (statt 27,3) wäre sogar Gerda Rogers („OK ist ein Steinbock mit Aszendent Duracell-Hase“) gekommen.

9) Meine liebste Wahlrubrik, das muss ich endlich einmal loswerden, ist und bleibt die Wählerstromanalyse. Denn mich fasziniert es immer wieder,

... dass mir zwar Tage vor der Wahl niemand sagen kann, ob beispielsweise die Grünen 10, 12 oder 15 Prozentpunkte bekommen,

... dass aber Stunden nach der Wahl klar ist, dass 3.781 linkshändige, alleinerziehende Werbeagenturbesitzerinnen im Alter zwischen 27 und 49 Jahren diesmal grün statt rot gewählt haben.

10) Was soll der ganze Schrebergarten-Scheiß? Es ging bei dieser Wahl doch um Europa! Ja. Eh. (Leserkommentar, Michael Hufnagl, derStandard.at, 27.5.2014)

Michael Hufnagl ist freier Journalist in Wien. 

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    foto: derstandard.at
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