AMS-Kursteilnehmer sollen definieren, was Arbeit ist 

27. Mai 2014, 15:43
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Den Teilnehmern eines vom Arbeitsmarktservice finanzierten Kurses wurde ein fragwürdiges Formular vorgelegt 

Wien - "Was ist Arbeit?" Diese Frage sollten die Teilnehmer und Teilnehmerinnen des Kurses "Neue Wege bis 30" anhand eines fragwürdigen Arbeitsblatts beantworten. Eine Teilnehmerin des vom AMS finanzierten Kurses hat das betreffende Formular  derStandard.at zukommen lassen (siehe Screenshot). Angeboten wird der Kurs von Best – Institut für berufsbezogene Weiterbildung und Personaltraining GmbH.

Schöne Ehefrau

Die Highlights daraus: "Eine Animierdame lässt sich zum Whisky einladen. Ein Unteroffizier zielt auf einen Pappkamerad. Eine Angestellte wartet auf der Toilette auf das Ende der Arbeitszeit. Frau Österreicher hat Teilzeitarbeit und näht sich zu Hause einen Rock. Ein Hund bellt einen Briefträger an. Eine Ehefrau macht sich jeden Abend um 19 Uhr für ihren Mann schön."

Buch statt Berufsorientierung

Laut Teilnehmerin wollte die Kursleiterin mithilfe des Formulars den Wert von Arbeit und Rollenbilder diskutieren. Das ist in der betreffenden Einheit offenbar nicht gelungen. "Es fielen sexistische Witze. Und darüber nachzudenken, ob es Arbeit ist, wenn ein Hund bellt, war sehr demütigend." Weil ihr der Kurs "sinnlos" erschien, hatte die 25-Jährige die AMS- Kursmaßnahme schließlich vorzeitig verlassen. Ihre Erwartung an den Kurs – nach einem abgebrochenen Studium und vielen Jobs im Sozialbereich –, sich beruflich neu orientieren zu können, wurde enttäuscht.

So hätte sie beispielsweise im Kurs eine Woche Zeit gehabt, Bewerbungsschreiben zu verfassen. Die Absolventin einer höheren berufsbildenden Schule war damit schon nach dem ersten Tag fertig. Was sie die übrige Zeit tun sollte? "Die Kursleiterin hat gesagt, ich solle mir halt ein Buch mitnehmen." Aus Sicht der Frau sei vor allem die inhomogene Zusammensetzung des Kurses hinderlich für eine sinnvolle Berufsorientierung gewesen.

Im Kontext eingebettet

In einer Stellungnahme verteidigt Best-Geschäftsführer Erik Hirschenbrunner das Formular: Diese Übung würde nie für sich alleine stehen, sondern sei immer in einem längeren, in der Regel einem "einwöchigen Kontext entsprechender Inhalte, Erläuterungen und Arbeitsprozesse eingebettet". Das Arbeitsblatt stamme ursprünglich aus dem 1984 erschienenen Buch "Sichtwechsel. Ein Deutschkurs für Fortgeschrittene".

Gefragt, ob er die Aussage "Die Frau macht sich jeden Abend um 19 Uhr für ihren Mann schön" für sexistisch hält, erklärt Hirschenbrunner: "Diese Frage ist uns beziehungsweise einem/einer TrainerIn selbstverständlich nicht 'passiert', sondern mit Absicht und bewusst gewählt, um das Thema Gendermainstreaming auch im Arbeitskontext zu diskutieren und eigenes Verhalten als Frau und Mann zu hinterfragen." Daraus resultierend könne man auch erörtern, "wie sehr das eigene Auftreten und Aussehen für die Arbeitssuche und Jobbeschreibung relevant ist und ob Aussehen Teil der Arbeit ist".

Scheitern an den Werten

Weiters gebe die Übung "gerade zu Anfang die Möglichkeit, in eine Diskussion mit der Gruppe zu kommen und die TeilnehmerInnen noch in einem thematischen Bereich, in dem sie sich sicher fühlen, Werteinstellungen erfragen zu lassen, ohne zu viel über sich selbst in der Gruppe preisgeben zu müssen", so Hirschenbrunner.

Außerdem "sei angemerkt", dass "auch wir immer wieder TeilnehmerInnen haben, die sich über Definitionen und eigene Werte nie den Kopf zerbrochen haben, aber dann im Arbeitsumfeld genau daran scheitern".

Dass im betreffenden Kurs – der übrigens im Frühjahr 2014 stattgefunden hat – der Teilnehmerin mitgeteilt wurde, sie möge sich ein Buch mitnehmen, sei "nicht nachvollziehbar". In der Phase der Planung der Kursteilnahme werde klar kommuniziert, dass es nicht nur um die Erarbeitung von guten Bewerbungsunterlagen gehen kann, sondern vielmehr auch "um ein aktives Tun seitens der Teilnehmer".

Formular soll in Hinkunft nicht mehr verwendet werden

Im Zuge der Recherchen zu diesem Bericht hat die zuständige Fachabteilung des AMS das Arbeitsblatt geprüft und für nicht zeitgemäß erachtet. Der Kursträger sei gebeten worden, es in Hinkunft nicht mehr zu verwenden.

Das AMS selbst überprüfe die Kurse flächendeckend, sowohl angemeldet als auch unangemeldet. Darüber hinaus seien Berater in großen Kurszentren selbst vor Ort, um zusätzlich Unterstützung zu bieten. Ab Herbst will das AMS die sogenannten Aktivierungskurse in ein modulares System umstellen. Die Kursteilnehmer sollten dann gemäß ihrer Interessen Inhalte gezielt wählen können (derStandard.at berichtete). (Katrin Burgstaller, derStandard.at, 27.5.2014)

  • Artikelbild
    screenshot: derstandardat
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