Die Panzerknacker von Rockensußra

Ansichtssache28. Mai 2014, 13:54
139 Postings

Hunderte Panzer stehen im Niemandsland von Thüringen und warten auf ihre Verschrottung. Reuters-Fotograf Thomas Peter hat die Arbeit der Abrüster dokumentiert

Rockensußra liegt zwischen Schlotheim und Sondershausen. Deutschland-Kenner wissen spätestens jetzt: Das liegt in Thüringen. Genauer: im Nirgendwo von Thüringen. 500 Einwohner hat das Dorf, und damit wäre das Wesentliche über Rockensußra auch schon erzählt – wenn da hinter dem Ortsende-Schild nicht eine mit hunderten Panzern vollgeräumte Brache und eine außergewöhnliche Fabrik liegen würden: Die Battle Tank Dismantling GmbH Koch, kurz BTD.

Das im Jahr 1991 gegründete Unternehmen ist die einzige von der NATO zertifizierte Verschrottungsanlage für Panzer und andere gepanzerte Fahrzeuge. Ein Ort, an dem Generäle weinen. Für das Gros der Betrachter hingegen ist der riesige Panzer-Parkplatz mit angeschlossener Abwrackanlage wohl der klassische Traum eines jeden Pazifisten.

Reuters-Fotograf Thomas Peter hat die Abrüstungszone in Thüringen besucht. Wir zeigen seine Aufnahmen in dieser Ansichtssache.

foto: reuters/thomas peter

Panzer-Parkplatz in Rockensußra: Seit 1991 ist der Flecken in Thüringen eine Demilitarisierungszone für armiertes Militärgerät. Hier warten einige Dutzend Marder-Schützenpanzer auf das letzte Gefecht mit dem Schneidbrenner.

1
foto: reuters/thomas peter

Nach der Wiedervereinigung war die Bundesrepublik im Rahmen bilateraler Abrüstungsvereinbarungen verpflichtet, eine Verschrottungsanlage für eigenes und das Kriegsmaterial ehemaliger Warschauer-Pakt-Staaten anzulegen. Was als "Reduzierungszentrum" begann, ist heute ein 56.000 Quadratmeter großer Militaria-Friedhof.

2
foto: reuters/thomas peter

Das ausrangierte Kriegsgerät kommt per Tieflader oder Eisenbahn. Nach einer stichprobenartigen Prüfung der Strahlenwerte beginnt die Demontage. Motoren, Drehtürme, Kampfräume, Zieleinrichtungen - alles muss raus.

3
foto: reuters/thomas peter

Hier ein abgestrippter Ex-Schützenpanzer.

4
foto: reuters/thomas peter

Peter Koch, 62, ist Chef und Gründer der BTD. Als er Anfang der Neunziger davon erfuhr, dass die Republik eine Verschrottungsanlage für Kriegsmaterial benötigen würde, nahm Koch kurzerhand einen Kredit auf und klotzte ordentlich ran, wie man in Deutschland zu sagen pflegt. Der Laden brummt: Bis Mitte 2012 wurden 16.000 Fahrzeuge erfolgreich zerstört. Darunter 880 Leopard I, 203 T-72-Panzer und über 1.000 Marder. Neben ehemaliger Kriegsware werden auch Waggons der Deutschen Bahn zerkleinert.

5
foto: reuters/thomas peter

Mitunter mehrere Tage fräsen die Arbeiter, um einen Panzer in Edelschrott zu verwandeln. Die gewonnenen Metalle sind in der weiterverarbeitenden Branche sehr begehrt. Viele Teile werden an die Hersteller retourniert.

6
foto: reuters/thomas peter

Für das österreichische Bundesheer rückten die Thüringer Panzerknacker ebenfalls aus: 2007 wurden in Graz 128 Jagdpanzer der Marke Jaguar terminiert.

7
foto: reuters/thomas peter

Seit 2008 ist die BTD übrigens ein sogenanntes Verifikationsobjekt. Heißt: Peter Koch darf auf seinem Parkplatz unbegrenzt Militärgerät lagern. Das Vertrauen basiert auf Kontrolle: Mehrere Satelliten bewachen permanent das Gelände. Wenn ein Arbeiter einen Panzer bewegen will, muss er die Fahrt bei den Behörden anmelden.

8
foto: reuters/thomas peter

Angesichts des Nachschubs aus den internationalen Waffenarsenalen wird die Battle Tank Dismantling GmbH in Rockensußra auch in Zukunft mit ausreichend Nachschub versorgt werden. Mit dieser wenig erbaulichen Erkenntnis und weiteren Bildern aus Thüringen lassen wir Sie nun allein. (sts, derStandard.at 28.5.2014)

9
foto: reuters/thomas peter
10
foto: reuters/thomas peter
11
foto: reuters/thomas peter
12
foto: reuters/thomas peter
13
foto: reuters/thomas peter
14
foto: reuters/thomas peter
15
Share if you care.