"Akzeptanz wäre schöner als Toleranz" 

Video26. Mai 2014, 14:22
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Transmann Sam spricht über seine Kindheit und den oft beschwerlichen Weg des Geschlechtsangleichungsprozesses

Vor 39 Jahren erblickte Sam Schweiger als Frau die Welt. Schon im Kindergarten merkte er, dass "irgendwas mit seiner Erscheinung nicht stimmte". Die Pubertät beschreibt Sam als "Riesenkatastrophe": "Dann passiert mit dem Körper etwas, was du nicht annehmen kannst“.

Beziehung einzugehen, war kompliziert, da Sam sich in Frauen verliebte, ohne ihnen sagen zu können, was "wirklich los war“. Auf der anderen Seite musst er die Avancen der Männer abwehren, "denn homosexuell bin ich nicht." Sam betont, dass die sexuelle Orientierung  unabhängig von der Transidentität ist.

Outing: "Super cool"

Sein Outing als Transident, das in vielen Fällen ein enormes Problem darstellt und zu schwerwiegenden Konflikten innerhalb des Familien-, bzw. Freundeskreis führen kann, kam mit 20. In seinem Fall ist es problemlos und "super cool“ abgelaufen. Die Eltern sind zu ihm gestanden, die Großeltern haben ihm sogar die Frage gestellt: "Warum hast du dir so lange Zeit mit dem Outing gelassen?“

derstandard.at/siniša puktalović
Sam Schweiger im Gespräch mit daStandard.at

Die ersten Schritte in Richtung körperliche Veränderung setzte Sam mit 28, als er die Mastektomie – Brustentfernung – vornehmen ließ. Für ihn bedeutete die Operation eine "Befreiung", wenngleich die weiteren Operationen des kompletten Geschlechtsangleichungsprozesses damals in Österreich nicht möglich waren. Vor anderthalb Jahren änderte sich diesbezüglich die Lage. Heute hat man die Gelegenheit in Linz den gesamten Prozess durchführen zu lassen, dessen Kosten von der Krankenkasse übernommen werden. Sam schätzt, dass es in etwa 500 Transmänner in Österreich gibt. Mit vielen von ihnen hat er schon direkten Kontakt über den Verein Transmann Austria, wo Sam ehrenamtlich mitarbeitet.

Operationen und Therapie 

Ein kompletter Geschlechtsanpassungsprozess besteht aus Psychotherapie, Hormonbehandlung, Mastektomie, Hysterektomie und Penoidaufbau. Wie lange der ganze Prozeß dauert, ist schwer zu sagen, die Therapiestunden sind in ein bis zwei Jahren zu absolvieren. Man muss sich später auch nicht operieren lassen, die Phase des Penoidenaufbaus ist jedem selbst überlassen, ob er es machen möchte oder nicht. Der Penoidenaufbau ist eine riskante Behandlung, die normalerweise aus drei separaten Operationen besteht.

Mit 35 fing Sam an Hormone zu nehmen, vor sechs Wochen unterzog er sich in der Linzer Klinik dem ersten Teil des Penoidaufbaus. Zurzeit befindet er sich in der Genesungsphase, mindestens zwei weitere chirurgische Eingriffe warten auf ihn, bis der Geschlechtsangleichungsprozess komplett abgeschlossen ist. Er gibt zu, dass er den oft schmerzhaften Prozess ohne den Rückhalt von seiner Familie und Freunden "nicht geschafft hätte“.

"Akzeptanz wäre schöner"

Bezüglich der gesellschaftlichen Akzeptanz der Transidentität in Österreich, sind Sams Erfahrungen gemischt. Direkt körperlich oder persönlich hat der Transident bis jetzt keine negativen Erfahrungen gemacht. "Andere erleben Gewalt, Missbrauch in der Familie, in der Schule, am Arbeitsplatz“. Er selbst habe großteils positive Erfahrungen gemacht. Einzig anonyme Mails oder Kommentare habe er, als Rekation auf seinen Blog gelgentlich erhalten. So erhielt er Messages wie: "Su gehörst umgebracht“ oder  "Du gehörst vergast.“ Über Toleranz möchte der 39-Jähriger weniger sprechen. Er empfindet den Begriff pejorativ: "'Akzeptieren' als Begriff ist viel schöner, weil das bedeuten würde, dass die Gesellschaft die Vielfalt akzeptiert.“  (Video: Siniša Puktalović, Text: Balazs Csekö, daStandard.at, 26.5.2014

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