Hofinger: "Das Herumgeeiere ist für die Demokratie schädlich"

Chat26. Mai 2014, 10:55
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Christoph Hofinger stellte sich den Fragen der Userinnen und User

"Das Herumgeeiere ist für die Europäische Demokratie sehr schädlich“, sagt Sora-Wahlforscher Christoph Hofinger im derStandard.at-Chat. Es brauche daher "völlige Klarheit“, welchen Einfluss die Zusammensetzung des EU-Parlaments auf die Wahl des Kommissionspräsidenten hat.

Wie auch bei vorangegangenen Wahlen, war die FPÖ bei den jungen Männern die beliebteste Partei. Strache sei vor allem bei jungen Männern mit BHS- und Lehrabschluss eine Identifikationsfigur. Manche von ihnen fühlen sich benachteiligt und neigen folglich zu Systemprotest.

Gefragt ob das EU-Wahlergebnis mit einer Nationalratswahl verglichen werden kann, sagt Hofinger: "Das Gesamtergebnis ist von den spezifischen Bedingungen einer EU-Wahl gekennzeichnet. Was sich aber zeigt, sind wiederkehrende Muster“.

ModeratorIn: Guten Tag Herr Hofinger, wir begrüßen Sie herzlich im Chat von derStandard.at!

Christoph Hofinger: Guten Tag, liebe Standard.at-UserInnen, ich freu mich auf Ihre Fragen!

UserInnenfrage per Mail: Die Umfragewerte für die Neos waren besser - warum sind so so hinter den Erwartungen geblieben?

Christoph Hofinger: Die Neos sind als Mythos in den Wahlkampf gestartet, als Projektionsfläche für WählerInnen, die eine Erneuerung des politischen Systems ohne chauvinistische und nationalistische Töne wollen. Und diesen Mythos in die Realität eines Wahlkampfs zu retten, ist per se schon schwierig. Die konkreten Forderungen der Neos (zB zur Privatisierung) haben bewirkt, dass die weniger Platz für Projektion, aber mehr für Überlegungen war, ob die Wähler das auch wirklich wollen. Die Neos wirkten dann am Schluss ausgesprochen verunsichert, was auf der Meta-Ebene ein großer Kontrast zu ihrer Hoffnungs-Botschaft (sinngemäß: wir schaffen alles) war.

byron sully: wie erklären sie sich, daß mit eu-stop eine liste, die in den umfragen unter 1% lag sowie medial unterhalb der wahrnehmungsgrenze, mehr stimmen bekam als europa anders (große medienpräsenz), rekos (sehr bekannter spitzenkandidat) oder bzö (sehr beka

Christoph Hofinger: In der Tat erstaunlich. Ich habe keine Forschung dazu, stelle mir aber jemanden vor, der von der EU sehr enttäuscht ist (diese Gruppe hatte in einer unserer Umfragen im Februar überdurchschnittlich vor, wählen zu gehen) und in die Wahlzelle geht. Dort sieht er/sie einen Stimmzettel, geht 9 Listen durch, findet nichts Ansprechendes, und ganz unten steht "EU-Stop" - das war vielleicht für manche verführerisch...

afrikaaner: Herr Hofinger, die Chancen von Europa Anders waren von den Umfragewerten her besser. Wäre Ehrenhauser mit einer eigenen Liste besser gefahren oder ist zwischen Grüne und NEOS einfach kein Platz mehr im System?

Christoph Hofinger: Ich glaube, eine eigene Liste hätte Martin Ehrenhauser kein substantiell anderes Ergebnis gebracht. Und zwischen Grünen und Neos (und auch SPÖ, denn diese WählerInnen wollte EU anders ja explizit) ist tatsächlich nicht enorm viel Platz.

Geoffrey of Monmouth: Sehr erstaunt bei den gestrigen Wahlen hat mich das Wahlverhalten der einzelnen Altersgruppen. Vor allem bei den bis 29-jährigen scheinen SPÖ - ÖVP nicht mehr die Rolle der Vergangenheit zu spielen, vielmehr teilen sich die Grünen und FPÖ die meiste

Christoph Hofinger: Radikalisierung ist eine zu pauschale Erklärung. Zwei Hauptgründe: 1) Junge wählen generell häufiger Oppositionsparteien als Regierungsparteien. 2) Die Oppositionsparteien suchen und finden in ihrer Kommunikation einen besseren Draht zu jungen Frauen (Grüne) und Männern (FPÖ).

Never trust the clerics: Gerade mit Blick auf die nach Bevölkerungsgruppen aufgeschlüsselten Wahlergebnisse würde mich interessieren: Wie sähe das österreichische Wahlergebnis bei einer Wahleteiligung von 100% aus?

Christoph Hofinger: Wir haben die Nichtwähler nicht gefragt, was sie wählen würden. Allerdings: Gäbe es strenge Wahlpflicht, würden die FPÖ und die SPÖ davon bei EU-Wahlen profitieren - das lässt sich daraus ableiten, dass die Werte von Rot und Blau bei Befragten, die nicht sehr wahrscheinlich wählen, besser sind.

UserInnenfrage per Mail: Warum wählen gerade junge Männer bevorzugt die FPÖ? Wie lässt sich dieser Wählergruppe beschreiben?

Christoph Hofinger: Die Gruppe ist heterogen; vor allem bei den jungen Männern mit BHS- und Lehrabschluss ist Strache z.T. eine Identifikationsfigur. Manche (beileibe nicht alle) dieser Gruppe haben das Gefühl, nicht den gerechten Anteil am Kuchen zu haben und fühlen sich durch die Gesellschaft benachteiligt. Wenn das der Fall ist, neigen sie zu Systemprotest und auch xenophoben Einstellungen, beides wird durch die FPö bedient. Die anderen Parteien sind ihnen auch von der Sprache her oft unverständlich und z.T. oberlehrerhaft. Darauf steht niemand, junge Männer ohne hohe formale Bildung am allerwenigsten.

UserInnenfrage per Mail: Gibt es Zahlen dazu, wie viele bei dieser Wahl die "Leerliste" 3 angekreuzt haben?

Christoph Hofinger: Hat niemand gezählt, leider. Aber unter den 1,25% der Wahlberechtigten, die ungültig gewählt haben, werden wohl ein paar die Leerstelle gewählt haben...

Ulrich Kiermayr: Herr Hofinger, welchen Einfluss auf das Ergebnis (insb. in Wien und anderen grossen Städten) hatten sg. EU-Ausländer?

Christoph Hofinger: Das ist leider für die aktuellen Wahl nicht erforscht. Aus anderen Umfragen wissen wir, dass hier die Grünen weit besser abschneiden, weil viele (natürlich nicht alle) der EU-Ausländer a) jung sind b) höhere Bildung haben c) keine Abschottungsparolen mögen.

byron sully: haben schulz, juncker & co. bei der wahlentscheidung der österreichischen wählerInnen irgendeine rolle gespielt oder exakt null?

Christoph Hofinger: Ist nicht genau zu messen, aber ich vermute, dass es die eine oder andere Entscheidung beeinflusst hat. Wenn jemand in Österreich es schwer hatte, zwischen 2 Alternativen sich zu entscheiden, mag der Blick auf die europäische Ebene geholfen haben. Langfristig braucht es 1) einen europäischen Stimmzettel, wo klar ist: Da kann ich eine europäische Fraktion wählen 2) völlige Klarheit, welchen Einfluss die Zusammensetzung des EU-Parlaments auf die Wahl des Kommissionspräsidenten hat Das Herumgeeiere beim zweiten Punkt ist für die Europäische Demokratie sehr schädlich.

afrikaaner: Welche Lehren kann die SPÖ aus dem Wahlergebnis ziehen? Die Stimmen zu halten ist ja für eine Regierungspartei eigentlich kein schlechtes Ergebnis. Zumindest wenn man die letzten Wahlen betrachtet.

Christoph Hofinger: Die SPÖ könnte EU-Wahlen in einer anderen Grundhaltung angehen. Diesmal war vereinfacht gesprochen die Prämisse, Europa und Österreich sind was anderes, wir müssen die österreichischen Interessen wahren. Das ist aber eigentlich die Basis für den FPÖ-Ansatz, der von einem Interessensgegensatz ausgeht und ihn im Wahlkampf viel stärker zuspitzt.

Sebastien Pinot: Wie erklären Sie sich dieses Ergebnis, dass sich doch sehr von den letzten "Umfragen" unterscheidet, wieviel Wert haben diese Wahlumfragen heute noch? War Eugen Freund aus Sicht der SPÖ eine Fehlentscheidung? Warum schafft man es nicht die Wähler zu

Christoph Hofinger: 1 Bitte kein blindes Demoskopen-Bashing! Die ganz zuletzt veröffentlichten Umfragen waren richtig, das Ergebnis innerhalb der Schwankungsbreite. Die Intentionen der Österreicher haben sich im Wahlkampf geändert. 2 Vertretbar, auch wenn er nicht das große Zugpferd war; generell scheinen die WählerInnen aber EU-Profis zu bevorzugen (Karas, Lunacek) 3 Weil nicht klar ist, was die Stimme für x oder y auf europäischer Ebene personell und inhaltlich ändern wird

sparklingclem: Wie erklären sie sich die großen Unterschiede zwischen dem Wahlverhalten von Männern und Frauen? (Besonders unter 29)

Christoph Hofinger: Siehe oben. Grüne sprechen junge Frauen gezielt und erfolgreich an, die FPö junge Männer, beide tun sich ein bisschen schwer mit der jeweils anderen Gruppe

Osso Bucco: Hat die Vorberichterstattung über Ergebnisse von Ländern die früher gewählt hatten (zB Niederlande) eine Rolle gespielt?

Christoph Hofinger: Vermutlich kaum. So etwas kann eine Rolle spielen, wenn eine tabuisierte Partei in einem Land sehr erfolgreich ist und dann auch in einem Land, das politisch kulturell verbunden ist, die Hemmungen fallen würden.

UserInnenfrage per Mail: Warum konnten die Grünen plötzlich so viele Stimmen gewinnen?

Christoph Hofinger: Karas und Lunacek waren die stärksten Kandidaten. Die Balance zwischen EU-Befürwortung und kritischen Botschaften ist grosso modo geglückt. Ihre WählerInnen gehen häufiger zu EU-Wahlen. Sie haben versucht, sich von den Neos zu differenzieren, und dann auch noch vom Schlingern der Neos-Kampagne profitiert.

» BrütalTruth «: Demokratie und Nichtwähler: Wie sehen Sie die 'Ergebnisse' von Tschechien (20%) und der Slowakei (13%) im Kontext zur Wahlbeteiligung?

Christoph Hofinger: Formal legitim, natürlich aber dürftige Beteiligung. Auch in diesen Ländern würde die Teilnahme hinaufgehen, wenn die EU-Wahl ganz klar eine europäische Richtungsentscheidung ist.

Körperklaus: Herr Hofinger, gibt es zwischen den Meinungsforschern der einzelnen Staaten einen Datenaustausch oder zumindest eine Abstimmung, damit Hochrechnungsdaten vergleichbar sind?

Christoph Hofinger: Wir waren im Vorfeld im Austausch mit deutschen Kollegen. Ich muss aber zugeben, dass ich mich am Wahltag voll darauf konzentriert habe, Österreich hochzurechnen - das liegt am im Endeffekt doch nationalstaatlichen Setup der EU-Wahl. Vielleicht erlebe ich ja noch eine gesamteuropäische Hochrechnung knapp vor der Pension ;-)

UserInnenfrage per Mail: Kratzt das Ergebnis der Neos deren Image nachhaltig an, oder ist die Performance beim EU-Wahlkampf bald wieder vergessen?

Christoph Hofinger: Nachhaltig ist die Transformation von einer Art Polit-Mythos zu einer Partei, die sich manchmal schwerer und manchmal leichter tut, im harten politischen Spiel mitzuspielen. Das musste irgendwann kommen, der Vorteil für die Neos ist, dass es jetzt schon geschehen ist. Der Nachteil, dass jetzt die Knochenarbeit beginnt. Bis vor vier Wochen war die Politik für die Neos wie ein erstes Date - leicht und unbeschwert.

UserInnenfrage per Mail: Die ÖVP hat trotz Sieg ein Mandat verloren - warum konnte sie das nicht halten?

Christoph Hofinger: Ihre Ergebnis ging ja auch zurück, um fast 3 Prozentpunkte. Da ist ein Mandatsverlust fast unausweichlich...

hp12c: wie sind besonders wahlbeteiligungsschwache oder starke bezirke/städte zu erklären? Speziell der nordosten Niederösterreichs hat lt. Standardkarten über 50% Wahlbeteiligung, während im Bezirk Schwaz oder ähnliche zB deutlich unter 30% liegen?

Christoph Hofinger: Die Ostösterreicher gehen (sehen wir von Wien ab) traditionell - zumindest seit den 90ern - häufiger zur Wahl. Soziologisch liegt es daran, dass sie institutionell mehr ans politische System gebunden sind (zB häufiger in der Gewerkschaft); im Westen herrscht dagegen tendenziell eine individualistische Stimmung, die nehmen sich mehr Freiheiten zum Nicht- und Wechselwählen. Die Tiroler sind entgegen dem Klischee die "untreuesten" Wähler Österreichs, haben wir einmal in einem Vergleich errechnet.

Paul Platon: Gibt es eigentlich Erhebungen in welchem Zeitabstand (z.B von 10-11 Uhr) die meisten Wähler zur Urne schreiten?

Christoph Hofinger: Darüber gibt es Aufzeichnungen in einigen Gemeinden, ich kann's leider nicht beantworten. 10-11 scheint durchaus plausibel...

phil123: Kann das Ergebnis der EU-Wahl mit einer NR-Wahl verglichen werden?

Christoph Hofinger: Verglichen schon, aber nicht gleichgesetzt ... Das Gesamtergebnis ist von den spezifischen Bedingungen einer EU-Wahl gekennzeichnet. Was sich aber zeigt, sind wiederkehrende Muster - wie etwa der schon angesprochene gender gap bei Jungen, oder aber auch die Schwierigkeiten der FPÖ in den Landeshauptstädten und vor allem in Wien über ihre Ergebnisse von den letzten Wahlen zu mobilisieren.

UserInnenfrage per Mail: Ihr Tipp: Hätte da Ergebnis ohne Eugen Freund für die SPÖ besser oder schelchter ausgesehen?

Christoph Hofinger: Ich tippe nicht, sorry! Egal wer Spitzenkandidat gewesen wäre - Martin Schulz nicht nur einzuladen, sondern auch zu plakatieren wäre vermutlich sinnvoll gewesen.

Die Meinungsfreiheit: Wie lässt sich erklären, dass von den Kleinparteien ausgerechnet EU-Stop am stärksten war, und Ehrenhauser mit Europa anders so deutlich am Ziel vorbeigeschrammt ist?

Christoph Hofinger: Eu.Stop, siehe oben. Europa anders konnte nicht vollständig die dort vereinten Parteien (KPÖ, Piraten) mobilisieren und hatte darüber hinaus wenig Zugkraft - auch siehe oben: starke Konkurrenz im progressiv-urbanen Angebot.

afrikaaner: Warum mag eigentlich fast niemand die EU oder kann sich mit ihren Institutionen identifizieren? Immerhin sind wir seit 95 Mitglied.

Christoph Hofinger: Die meisten Österreicher sind trotz allem EU-Befürworter , keine Rede von "fast niemand"! Die Institutionen sind - auch aus eigenem Verschulden, vielen fremd. Diejenigen Jungen, die in der Schule schon als Europäer aufgewachsen sind, haben schon eine Art Selbstverständnis als EuropäerInnen, zumindest wesentlich mehr als die Älteren.

Kilian Stark: Wie steht es um die Wahlbeteiligung nach Altersgruppen, gibt es hier aussagekräftige Untersuchungen bzw. schon Schlussfolgerungen?

Christoph Hofinger: Die Älteren wollten sich - was an sich unüblich ist - tendenziell weniger beteiligen. Was wiederum zeigt, wie wichtig es ist , dass politische Bildung (in der Schule und darüber hinaus) es schafft, das Funktionieren Europas zu vermitteln. Und wie gesagt: Ich trete für eine Wahlrechtsreform ein, mit einem europaweit vergleichbaren Stimmzettel und/oder eine Direktwahl des / der KommissionspräsidentIn.

forward: Können Sie den "Steiermark-Effekt" erklären? Also die überdurchschnittliche FP. Was ich nicht verstehe, ist, dass die FP v. a. in sehr erfolgreichen Gemeinden, die von Fusionen nicht betroffen sind, sehr stark abschneidet (bspw. Sinabelkirchen). Dan

Christoph Hofinger: Der Widerstand gegen Teile der Reformvorhaben strahlt tatsächlich über die unmittelbar von Fusionen betroffenen steirischen Gemeinden hinaus. Daten zur Erklärung hab ich leider nicht, aber es wäre eine interessante Studie :-)

Schnitzelbrot: Kann man damit rechnen, dass die Grünen in Vorarlberg auch bei der LTW dieses Jahr so hohe Ergebnisse erreichen können wie gestern?

Christoph Hofinger: Eine Wahl hat mit der nächsten oft erstaunlich wenig zu tun. Das Vorarlberger Ergebnis (24,5%, stärkstes Ergebnis aller Länder) ist überraschend für die Grünen, weil es ja als Heimspiel für die Neos gesehen wurde. Eine solide Basis für den Herbst, aber jede Wahl ist anders.

attentat: Glauben Sie, dass es sinnvoll wäre, die Anzahl der Mandate der einzelnen Länder von deren Wahlbeteiligung abhängig zu machen?

Christoph Hofinger: Halte ich für erwägenswert! Menschen reagieren sehr sensibel auf Verlust (auch von Einfluss), und wenn einem Land dies droht, könnte es mobilisieren.

ModeratorIn: Unsere Zeit ist leider schon vorbei. Wir danken Herrn Hofinger und wünschen noch einen schönen Tag allerseits!

Christoph Hofinger: Vielen Dank an die derStandard.at-UserInnen für die spannenden Fragen, es war wie immer ein großes Vergnügen, mit Ihnen zu chatten!

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