Der Nichtwähler und sein böses Bild der EU

Kopf des Tages25. Mai 2014, 19:42
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Die Mehrheit ging am Sonntag nicht zur Urne - aus unterschiedlichen Gründen 

Überall war er am Sonntag EU-weit anzutreffen - im Grünen, unter Freunden oder zu Hause. Bloß nicht da, wo er als pflichtbewusster Bürger hätte sein sollen: im Wahllokal - und hierzulande hat sich der Nichtwähler zuvor auch keine Mühe gemacht, eine Wahlkarte zu besorgen, um sein Votum abzuschicken.

Wer sind die 54,5 Prozent, die auf ihr Wahlrecht verzichtet haben, obwohl sie damit erstmals auch bei der Kür des Kommissionspräsidenten ein Wörtchen mitreden hätten können? Der Politologe Peter Filzmaier hat die heimischen Fernbleiber samt Ausreden untersucht - immerhin machten sie erneut die stärkste Fraktion unter den Wahlberechtigten in Österreich aus (2009: 54 Prozent) - und liegen damit weit vor dem Wahlsieger ÖVP.

Erkenntnis eins des Experten über diese vielschichtige Spezies: Der Verweigerer schwankt in seinem Verhältnis zur Union zwischen brüsker Ablehnung und schlichter Ignoranz - Österreichs Austritt muss er zwar nicht haben, doch wenn er über die Staatengemeinschaft spricht, regt er sich schnell über die Abgehobenheit und die Bürokratie von Brüssel auf - und lässt dabei kaum ein Klischee aus.

Nicht angekommen

Erkenntnis zwei von Filzmaier: Von den über 60-Jährigen blieben überproportional viele den Urnen fern - obwohl sie die Zeiten des Schillings, des Kalten Kriegs und des Eisernen Vorhangs miterlebt haben, sind sie in der Union oft nicht angekommen. Aus demografischer Sicht macht der Experte hier zwei markante Subgruppen aus: Bei den älteren Herren, meist Arbeiter und sonst gern SPÖ- oder FPÖ-Wähler, pfiff etwa die Hälfte auf diese Wahl. Von den betagteren Frauen, viele davon Pensionistinnen und auch SPÖ-Sympathisantinnen, nahmen gar fast zwei Drittel nicht teil.

Ähnlich besorgniserregend ist Erkenntnis drei des Politikwissenschafters: Bei den unter 30-Jährigen schwänzten fast zwei Drittel der Männer die Wahl, während nahezu zwei Drittel der weiblichen Wahlberechtigten sehr wohl hingingen - Filzmaier konstatiert da eine "dramatische Geschlechterkluft".

Und die wohl überraschendste Erkenntnis des Wahlabends über Herrn und Frau Nichtwähler: Auch der formale Bildungsgrad treibt sie mitunter nicht in die Wahlzellen, denn die Zahlen der Fernbleiber mit und ohne Matura halten sich "etwa die Waage". Filzmaiers Conclusio: "All die Projekte, die das EU-Interesse steigern sollen, richten sich offenbar an ohnehin überzeugte Befürworter - zum Beispiel an die Akademiker." (Nina Weißensteiner, DER STANDARD, 25.5.2014)

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