"Ein Kreuz machen, das ist mein Beitrag"

Reportage25. Mai 2014, 22:53
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Donezk und Lugansk verweigern die Wahl, doch in Odessa verlief der Urnengang großteils ruhig

Vor dem Wahllokal 511304, einer Schule in Odessa 200 Meter vom Gewerkschaftshaus entfernt, steht ein ausgebrannter VW, unweit davon zwei weitere Autowracks. "Das sind meine Autos", sagt Alexander, ein lokaler Unternehmer. Unbekannte haben die Fahrzeuge zehn Tage nach dem Blutbad am 2. Mai verbrannt, "vermutlich wegen der Lwiwer Nummernschilder darauf", meint Alexander. Er brauchte die Autos für seinen Kleinhandel mit Textilien. "Jetzt weiß ich nicht, wovon ich leben soll", sagt er. Entschädigung will ihm niemand zahlen.

Alexanders Unglück illustriert die weiterhin großen Spannungen in Odessa. Unter den Umständen Geschäfte zu führen ist schwer. "Ich will, dass so schnell wie möglich wieder Ruhe und Frieden in der Ukraine und in Odessa einziehen", sagt Alexander und wirft seinen Stimmzettel ein.

Zumindest im Wahllokal bleibt es am Sonntag ruhig. "Bisher gibt es Gott sei Dank keine Skandale oder Provokationen", sagt Wiktor, Wahlbeobachter für einen Bürgermeisterkandidaten, denn in Odessa wird zeitgleich mit dem Präsidenten auch das Stadtoberhaupt neu gewählt. Vor den Tischen, wo die Bürger registriert werden, haben sich kleine Schlangen gebildet. "Bisher sind es etwa 100 Wähler pro Stunde", sagt Wiktor. Das entspräche einer Wahlbeteiligung von etwa 50 Prozent. Ein Mitglied der Wahlkommission spricht von einer regen Teilnahme.

Nervosität ist trotz der Sicherheitsmaßnahmen zu spüren. Vor dem Urnengang, der einige hundert Kilometer östlich in Donezk völlig boykottiert wird, hatte es auch in Odessa Provokationen gegeben. So tauchte ein angeblich von Ultras produziertes Video im Netz auf, wonach die Fußballfans mit Randale drohten, sollte Julia Timoschenko gewinnen.

Fußballfans auf Distanz

Wassili Bugaitschuk, Vorsitzender von Timoschenkos Parteijugend in Odessa, hat daraufhin vor dem Stadion des Ortsvereins "Tschernomorez" ein paar vermummte Fans zusammengetrommelt, die eine Erklärung verlesen, wonach die Fanszene unpolitisch sei und nicht in den Wahlkampf gezogen werden wolle. Bugaitschuk steht auf der Fahndungsliste der Anti-Maidan-Anhänger, die ihn der Organisation der Krawalle am 2. Mai beschuldigen. "Ich war bei der Demo dabei", räumt er ein, aber der Konflikt sei von der anderen Seite provoziert worden.

"Für uns ist das, was passiert ist, eine große Tragödie", sagt Eduard, ein 40-jähriger Programmierer, in Erinnerung an die 46 Todesopfer. Er habe am nächsten Tag Blut gespendet für die Verletzten, dabei sei ihm egal gewesen, welcher Seite sie angehörten. Eduard gehört zur einst großen jüdischen Gemeinde der Stadt. Angst vor einem erstarkenden Nationalismus und Antisemitismus in der Ukraine hat er nicht. "Die Juden in Odessa haben die gleichen Probleme wie alle anderen auch."

Daie größten seien die politische und wirtschaftliche Instabilität und der drohende Zerfall des Landes. Eine Waffe für die Einheit der Ukraine in die Hand nehmen könne er nicht, "aber ich kann ein Kreuz machen bei den Wahlen, das ist mein Beitrag". Er wolle Poroschenko wählen, sagt er. Der Milliardär sei nicht sein Lieblingskandidat, aber der annehmbarste unter den Anwärtern auf einen Sieg. "Zudem will ich Stichwahlen vermeiden, noch drei Wochen Unruhen können wir uns nicht leisten", dann könne die Ukraine tatsächlich auseinanderbrechen, sagt er. Mit der These hatte auch Umfragefavorit Poroschenko im Wahlkampf gepunktet.

Neben dem Ergebnis wird auch Russlands Reaktion auf die Wahl mit Spannung erwartet, soll er doch Aufschluss über den Fortgang des Konflikts in der Ostukraine geben. Offiziell hat Moskau keine Wahlbeobachter entsandt. Der Duma-Abgeordnete Ilja Ponomarjow ist dennoch nach Odessa zur Lagebeurteilung gereist. "Einem abgeschlagenen Kopf tut es um die Haare nicht mehr leid", kommentierte der Oppositionelle seinen Konfrontationskurs gegen die Kremllinie. Ponomarjow hatte als Einziger in der Duma gegen die Übernahme der Krim gestimmt. (André Ballin aus Odessa, DER STANDARD, 26.5.2014)

  • Petro Poroschenko feierte am Sonntagabend in einer Rede in Kiew seinen Wahlsieg bei der Präsidentenwahl in der Ukraine.
    foto: ap/garanich

    Petro Poroschenko feierte am Sonntagabend in einer Rede in Kiew seinen Wahlsieg bei der Präsidentenwahl in der Ukraine.

  • Die Ukrainische Internet Partei kandidierte mit Star-Wars-Bösewicht Darth Vader für die Bürgermeisterposten in Kiew (Foto) und Odessa.
    foto: ap/lukatsky

    Die Ukrainische Internet Partei kandidierte mit Star-Wars-Bösewicht Darth Vader für die Bürgermeisterposten in Kiew (Foto) und Odessa.

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