Die reale Party und die englische Prognose

25. Mai 2014, 17:57
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Zehnter Triumph bedeutet viel für Real Madrid - Königliche gewannen ihr Selbstverständnis als Großmacht zurück - Und England macht sich plötzlich WM-Hoffnungen

Madrid/Lissabon - England wird Fußball-Weltmeister. Das fehlte noch. Dann wäre das Jahr 2014 in allen wichtigen Fragen tatsächlich so verlaufen wie das Jahr 1966. Damals (Udo Jürgens!) wie heute hatte Österreich den Song Contest gewonnen, damals wie heute hieß der spanische Fußballmeister Atlético Madrid, damals wie heute hat Real Madrid die wichtigste Trophäe im europäischen Klubfußball erobert. Letzteres weiß man seit Samstag, da die Königlichen im Endspiel zu Lissabon mit 4:1 nach Verlängerung gegen den Stadtrivalen Atlético erfolgreich geblieben waren.

Zwölf Jahre des Wartens sind damit vorbei, Real Madrid fixierte die langersehnte "La Décima", und Klubpräsident Florentino Pérez blickte schon forsch voraus. "Wir denken ab sofort an die Undécima!" Real hat sein Selbstverständnis als Fußball-Großmacht wiedergewonnen und will in den kommenden Jahren dominieren. Triumph Nummer elf in der Königsklasse soll bereits 2015 beim Finale in Berlin her.

Feier in Madrid

Vorerst beschäftigten sich die Real-Profis aber noch wenig mit solchen Gedanken - bereits im Stadion begann die Party. Ein Teil der Mannschaft stürmte sogar die Pressekonferenz, in der Trainer Carlo Ancelotti gerade erzählte, was der zehnte Titel für den Klub und auch für ihn bedeutet. Spät in der Nacht ging es zurück nach Madrid, wo am Cibeles-Brunnen Zehntausende Anhänger auf ihre Stars warteten. Die Spieler trafen gegen sechs Uhr morgens ein, nachdem sie nach der Landung sofort zum Bernabéu-Stadion und von dort im offenen Bus zum Brunnen gefahren waren. Goalie und Kapitän Iker Casillas, der einzige Spieler aus dem Siegerkader von 2002, stellte fest: "Der zehnte Champions-League-Titel mit Real ist genauso wichtig oder wichtiger als die WM. Darauf haben wir alle so lange gewartet."

Überschäumende Emotionen zeigte auch Sergio Ramos, der Real mit seinem Kopfballtreffer in der 93. Minute in die Verlängerung gerettet hatte. "Das Tor gehört nicht nur mir, sondern allen Real-Fans und meiner Frau und meinem Kind", sagte der Innenverteidiger. Bei der Siegerehrung wurde Ramos von Spaniens König Juan Carlos, einem bekennenden Real-Fan, inniglich geherzt.

Bale und der Penny

Zweiter Real-Held war Gareth Bale mit seinem 2:1 in der 110. Minute. Der teuerste Spieler der Welt war im Sommer für rund 100 Millionen Euro von Tottenham geholt worden. "Aber ich wäre auch für einen Penny hergekommen, um große Titel zu gewinnen", schwärmte der Waliser, der seinen Verein vor einem Monat schon zum spanischen Cup-Titel geschossen hatte, und meinte: "Für mich ist ein Traum in Erfüllung gegangen."

Dass Bale ansonsten ebenso wie Cristiano Ronaldo eher blass blieb, war nach dem Finalsieg vergessen. Der Portugiese durfte kurz vor Schluss immerhin einen Elfmeter zu seinem 17. Saisontor in der Königsklasse verwandeln, ist damit der erste Spieler, der in Endspielen für zwei verschiedene Vereine traf. 2008 hatte der 29-Jährige für Manchester United gegen Chelsea seine Visitenkarte abgegeben. "Seit ich bei Real bin, habe ich auf diesen Moment gewartet", jubelte der Weltfußballer. Mit insgesamt 67 Toren liegt Ronaldo nun gleichauf mit seinem Dauerrivalen Lionel Messi, auf Rekordhalter Raúl fehlen dem Duo vier Treffer.

Der Real-Triumph war auch ein Verdienst von Trainer Ancelotti, der bereits in seiner ersten Saison schaffte, was Vorgängern wie Fabio Capello oder José Mourinho verwehrt geblieben war. "Das war eine ganz spezielle Nacht", sagte der Italiener. Ancelotti (54) holte schon als Milan-Spieler zweimal (1989, 1990) den wichtigsten Europacup-Bewerb und gewann nun, nach zwei Erfolgen mit Milan (2003, 2007), als erster Trainer zum dritten Mal die Champions League. Gut möglich, dass es dabei nicht bleibt. "Natürlich habe ich Ziele", sagt Ancelotti, "natürlich habe ich Pläne." Einen bis 2016 laufenden Vertrag mit Real hat er auch. (red; APA, DER STANDARD, 26.5.2014)

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    foto: epa/lerena
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