Papst-Reise nach Nahost: Routine und Ermattung

Kolumne25. Mai 2014, 17:44
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Wer geglaubt hat, Franziskus würde ganz neue Akzente setzen, wurde bisher enttäuscht

Die Reiseroute ist dieselbe: Amman, Betlehem, Jerusalem. Und auch die Friedensappelle gleichen sich im Grunde. Zum vierten Mal nach 1945 ist dieser Tage ein Papst nach Nahost gereist.

Wer geglaubt hat, Franziskus würde ganz neue Akzente setzen, wurde bisher enttäuscht. Der argentinisch-italienische Papst hat zwar wie sein deutscher Vorgänger Benedikt XVI. eine Zwei-Staaten-Lösung zur Befriedung des Nahen Ostens verlangt, aber die Wortwahl von Franziskus ist zahmer. Er appelliert an den Friedenswillen und schlägt Treffen der politischen Führer "im Gebet" vor. Benedikt hatte apodiktisch "Schluss mit dem Krieg. Schluss mit dem Terror" gefordert: "Durchbrechen Sie die Spirale der Gewalt."

Eine besondere politische Note hat dieser Besuch durch die Mordattacke von Brüssel erhalten - die Hauptstadt der EU ist, auch weil zwei Israelis unter den Opfern sind, zum plakativen Thema der Medien geworden. Und zur Möglichkeit, einmal mehr vor der verheerenden Wirkung des Antisemitismus zu warnen.

In diesem besonderen Licht tritt eine historische Begegnung etwas zurück. Auch sie ist letztlich nur eine Wiederholung. 1964 hatte der italienische Papst Paul VI. den orthodoxen Patriarchen Athenagoras in Jerusalem getroffen. Jetzt, 50 Jahre danach, begegnen sich der 77-jährige Franziskus und der 74-jährige Patriarch Bartholomaios - um jene Ökumene wiederzubeleben, die seit dem Tod Pauls VI. kein hervorgehobenes Interesse des Vatikans gewesen war. Wenn sich noch dazu inhaltlich wenig ändert, ruht die Hoffnung auf der Macht der Bilder. Spontan stieg Franziskus aus dem Papamobil, um vor der acht Meter hohen Betonmauer zwischen den israelischen und palästinensischen Gebieten im Gebet zu verharren.

Sollte am Schluss dieser - bisher kürzesten - Nahost-Reise eines Papstes nicht noch Sensationelles passieren, signalisiert die Visite einen erstaunlichen Befund: Das Pontifikat von Franziskus hat aufsehenerregend begonnen und ist erstaunlich schnell in Routine zerflossen.

Was die angekündigten Reformen betrifft: Abseits der Kardinalsernennungen und einer Personal- wie Strukturreform der vatikanischen Geldwirtschaft ist sogar eine gewisse Ermattung feststellbar. Seine Aufrufe zum Umdenken in der katholischen Kirche haben ihm recht viel Sympathie gebracht. Aber hat er selbst schon umgedacht? In der Frauenfrage zum Beispiel nicht. Nur auf die (Sorgen der) Menschen zuzugehen genügt nicht.

Im Herbst soll die von Franziskus initiierte weltweite Umfrage zur Zukunft der Kirche Thema einer großen Kardinalskonferenz sein und zu Konsequenzen führen. Ähnlich wie es nach dem II. Vatikanum in den 1960er-Jahren geschah.

Wenn man jedoch die theologische Beharrung dieses Papstes auf traditionalistischen Positionen betrachtet und dazu noch den abnehmenden Mut bemerkt, bei öffentlichen Auftritten Klartext zu sprechen, weicht der Optimismus Zeichen der Enttäuschung. (DER STANDARD, 26.5.2014)

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