"Der Gastgeber ist zur Party nicht eingeladen"

Interview25. Mai 2014, 17:39
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Die brasilianisch-österreichische DJane Joyce Muniz spricht über die Probleme im WM-Austragungsland, über Banknoten in Politikerunterwäsche und die Liebe zu Musik und Fußball

Standard: Der offizielle WM-Song ist von Jennifer Lopez und Pitbull und heißt "We are one".

Muniz: Ja.

Standard: Schon gehört?

Muniz: Ja, ich habe ein bisschen reingehört, aber finde es schade, dass es niemand aus Brasilien gemacht hat. Der Song hat nichts mit unserer Musikkultur gemeinsam. Es gibt tolle brasilianische Musik.

Standard: Ihr Vorschlag?

Muniz: Jemand aus der afrobrasilianischen Ecke. Aus dem Norden, Bahia, würde mir zum Beispiel Olodum einfallen. Mit Bossa Nova, also Sérgio Mendes, gemischt, wäre das viel repräsentativer.

Standard: Sie sind seit 19 Jahren in Österreich, besitzen eine Doppelstaatsbürgerschaft. Fühlen Sie sich beiden Ländern verbunden?

Muniz: Ich bin in Brasilien geboren, in São Paulo aufgewachsen und dann mit meiner Familie nach Österreich gekommen. Hauptgrund war die schlechte wirtschaftliche Lage nach der Währungsumstellung auf den Real. Es war damals eine schlimme Zeit für Investitionen, die Kriminalitätsrate war hoch und alles einfach sehr teuer. Das Land war in einer Krise. Für uns war das der beste Zeitpunkt, um nach Österreich zu kommen. Ich sehe es als eine gute Entscheidung. Trotzdem lebt ein Großteil meiner Familie, meiner Freunde in Brasilien. Es hat sich seither viel verändert.

Standard: Was zum Beispiel?

Muniz: Es hat sich eine Mittelschicht etabliert, die zuvor noch nicht da war. Die Mittelschicht zahlt vor allem einmal. Sie können zwar ihre Kinder auf Universitäten schicken, haben aber gleichzeitig hohe Schulden. Wenn du deinen Status in Brasilien erhalten möchtest, musst du zahlungskräftig sein. Aber auch wenn die Leute ihren Steuern nachkommen, können sie ihre Kinder nicht einfach auf eine öffentliche Schule schicken, weil die schlecht sind. Wenn man von einer öffentlichen Schule kommt, ist es unwahrscheinlich, dass man den Aufnahmetest für eine Universität schafft. Das Bildungssystem ist katastrophal.

Standard: Die Weltmeisterschaft wirft schon länger ihren Schatten auf das Land. Wie knapp wird es werden mit den Vorbereitungen?

Muniz: Es gibt in Brasilien das Sprichwort: "Alles auf die brasilianische Art". Das heißt, die Leute sind "jeitinho brasileiro", also ein bisschen gemütlicher. Da sagt man dann: "Das kriegen wir schon irgendwie hin." Es passiert alles in letzter Minute, aber irgendwie klappt es. Das wird auch bei der WM so sein. Die Schwierigkeiten sind offensichtlich. Ich war im September 2013 dort auf Tour in sieben WM-Austragungsstätten, und es war noch wenig fertig. Und jetzt, drei Wochen vor der WM, wird es immer knapper. Ich bin aber froh, dass die Welt sieht, dass es Probleme in dem Land gibt.

Standard: Zu den Problemen: Die Meinungen im Land sind zweigeteilt, wie die Demonstrationen und Proteste zeigen. Wollen die Brasilianer die WM vielleicht gar nicht?

Muniz: Die Leute sind natürlich nicht gegen die WM. Sie lieben Fußball, und wir sind ein Fußballland. Aber stellen Sie sich einfach vor, jemand macht eine Party in Ihrem Haus, alle kommen und feiern, nur Sie sind nicht eingeladen, sondern müssen sich in Ihrem Zimmer verstecken. Niemand kann sich die Tickets leisten. Das heißt, sie kommen hin, nehmen Ihre Getränke, Ihr Essen und lassen dann noch den ganzen Müll in Ihrem Haus. Sie bekommen nichts davon, und alle gehen mit einem Lächeln nach Hause. Der Gastgeber ist zur Party nicht eingeladen. Genau das passiert gerade in Brasilien.

Standard: Wird sich am Bild von Brasilien etwas ändern, wenn ausländische Medien vor Ort über die WM berichten?

Muniz: Das bezweifle ich stark. Gerade in den geschützten Pressebereichen ist nicht viel von Brasilien spürbar. Sie sehen nicht die Versprechen, die nicht gehalten wurden. Also Krankenhäuser, die nie fertiggestellt wurden, Schulen, die nie gebaut wurden. Die Journalisten sollen in São Paulo einmal einen vollen Bus um sieben Uhr abends nehmen. Das ist die Gegenwart Brasiliens.

Standard: Die erhöhten Ticketpreise der öffentlichen Verkehrsmittel waren Thema der ersten Proteste.

Muniz: Das öffentliche Verkehrsnetz ist wirklich schlecht. Manche Menschen brauchen zweieinhalb bis drei Stunden in die Arbeit und wieder nach Hause. Das Umsteigen zwischen den U-Bahnen und Bussen ist nervenaufreibend. Immer wenn ich in São Paulo ankomme, wünsche ich mir, dass es einen Express oder irgendeine schnelle Verbindung in die Stadt gibt. Keine Chance. Das gilt nicht nur innerhalb der Städte, sondern auch fürs ganze Land. Dass der neue Flughafen in Manaus, den die Regierung für 150 Millionen Euro WM-tauglich gemacht hatte, erst vor ein paar Tagen überflutet wurde, zeigt, dass viel falsch läuft. Die Proteste zu den Ticketpreisen sind zu einem Lauffeuer geworden. Immer mehr Missstände werden aufgezeigt. Und das sind viele.

Standard: Wird die Kriminalität bei der WM ein großes Thema?

Muniz: Ich wünsche mir vor allem eine friedliche WM. In den Favelas gehen das Militär und die Polizei gerade sehr hart vor, um die Kriminalität einzudämmen. Viele der Gangster sind jetzt aufs Land ausgewichen und bekriegen sich dort. Gelitten haben die Bewohner der Favelas. Ob das Eingreifen hilft, weiß ich nicht. Auch die Korruption ist allgegenwärtig. Es wundert fast niemanden mehr, wenn wieder ein Politiker mit Dollarscheinen in der Unterwäsche in einem Flugzeug erwischt wird.

Standard: Sie zeichnen ein hartes Bild von Brasilien.

Muniz: Es gibt diese Missstände, aber auf der anderen Seite ist Brasilien ein wundervolles Land, und die Stimmung ist unvergleichbar. Auch die Verbindung zum Fußball ist eng. Ich habe selbst Fußball gespielt, bin ein großer Fan. Jedes Mal, wenn ich in Brasilien bin, besuche ich Spiele meines Teams, der Corinthians.

Standard: Sie sind ja vor allem als DJane unterwegs. Angenommen, Sie spielen einen Song in einem österreichischen und einem brasilianischen Stadion. Welche Nummern wären das?

Muniz: Schwierig. In Brasilien wohl einen Baile-Funk-Song: Tira a Camisa von MC Tigrão. In Österreich vielleicht Kabinenparty.

Standard: Wer verliert das Finale?

Muniz: Deutschland. (Andreas Hagenauer, DER STANDARD, 25.5.2014)

JOYCE MUNIZ (30) ist in Brasilien aufgewachsen und lebt seit 1995 in Österreich. Sie ist Musikproduzentin, Sängerin und wird als DJane weltweit gebucht.

  • "Es passiert alles in letzer Minute, aber es klappt"
    foto: jasmin baumgartner

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