Jüdisches Museum: Attentäter schoss Opfern direkt ins Gesicht

25. Mai 2014, 17:26
154 Postings

Nach dem Attentat im jüdischen Museum fahndet die Polizei nach dem Täter. Belgiens Innenministerin vermutet antisemitische Motive hinter der Tat. 

Ein gezielter politischer Terrorakt einer Gruppe gegen eine jüdische Einrichtung mitten im Zentrum Brüssels? Die Tat eines Einzelnen, der für seinen Mordanschlag Zeit und Ort auswählte, die ihm an einem Samstagnachmittag maximale öffentliche Wahrnehmung garantierten, nur wenige Stunden vor dem Beginn der belgischen Parlamentswahlen, die mit den Europawahlen zusammenfielen?

Am Tag nach dem Attentat im Jüdischen Museum in der belgischen Hauptstadt tappte die Polizei am Sonntag im Dunkeln, was die Hintergründe dieser in der Geschichte des Landes beispiellos brutalen Tat gewesen sein könnte.

Mit Kalaschnikow gefeuert

Drei Menschen starben sofort - ein Touristenpaar aus Israel und eine Französin, die sich im Museum aufgehalten hatten. Ein junger Belgier, Mitarbeiter des Museums, erlag Sonntagnachmittag auf der Intensivstation seinen schweren Verletzungen. Der Täter hatte ihnen mit einer Kalaschnikow-Maschinenpistole gezielt in Gesicht und Hals geschossen, wie die Staatsanwaltschaft mitteilte.

Der genaue Ablauf der von den Ermittlungsbehörden als "Terroranschlag" geführten Tat ist offenbar ziemlich genau dokumentiert. Überwachungskameras haben den Täter gefilmt. Und es gibt dutzende Zeugen. Einer der Ersten am Tatort war der belgische Außenminister Didier Reynders. Er hielt sich Samstag kurz vor 16 Uhr in einem Kaffeehaus nahe dem Platz Sablon auf, als er Schüsse hörte.

Das Jüdische Museum ist keine hundert Meter entfernt. Und hunderte Menschen waren in dem bei Belgiern wie Touristen beliebten Grätzel auf der Straße, auch weil gerade der Jazzmarathon lief.

Die Behörden veröffentlichten Fotos des mutmaßlichen Täters und riefen die Bevölkerung zur Mitarbeit auf. Der Verdächtige sei äußerst gefährlich, habe seine Tat offenbar genau vorbereitet.

Ein anderer Mann, der nur Stunden nach der Tat festgenommen worden war, dürfte als Täter ausscheiden. Zeugen hatten seinen Wagen vom Tatort, wo er in zweiter Spur gestanden war, wegfahren sehen. Die Polizei verhörte ihn stundenlang und ließ ihn wieder frei.

Der Anschlag löste eine Reihe von politischen Reaktionen aus. Ein "zutiefst schockierter" Premierminister Elio di Rupo wandte sich an seine Landsleute mit der Erklärung, dass "alle Belgier welcher Sprache, Ursprungs oder Religion auch immer vereint seien gegenüber diesem Anschlag".

Kritik gab es seitens der jüdischen Gemeinden in Belgien. Joel Rubinfeld, der Präsident der Liga gegen Antisemitismus, verurteile diesen "Terrorakt". Leider habe sich das in einem "Klima des Hasses" abgezeichnet. Seit Jahren nähmen antisemitische Parolen zu, und die Politik unternehme zu wenig dagegen. Die belgische Innenministerin hat unmittelbar nach der Tat polizeiliche Sondermaßnahmen angeordnet, Alarmstufe vier zum Schutz jüdischer Einrichtungen in ganz Belgien ausgerufen. Sie bekommen nun Polizeischutz rund um die Uhr.

Der Anschlag überschattete vollkommen die Wahlen am Sonntag, bei denen die komplizierte Regierung aus acht Parteien ihre Mehrheit verlieren könnte. Im Norden, in Flandern, wird der separatistischen Neuen Flämischen Allianz von Bart de Wever ein starker Wahlsieg vorausgesagt. (Thomas Mayer aus Brüssel, DER STANDARD, 26.5.2014)

  • Der Täter wurde von Überwachungskameras gefilmt.
    foto: ap

    Der Täter wurde von Überwachungskameras gefilmt.

  • Am Anschlagsort werden Blumen abgelegt.
    foto: ap photo/geert vanden wijngaert

    Am Anschlagsort werden Blumen abgelegt.

Share if you care.