Polens Ex-KP-Chef Jaruzelski gestorben

25. Mai 2014, 17:20
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Verhängte 1981 Kriegsrecht - 90-Jähriger war nach Schlaganfall seit Mitte Mai im Spital

Die dunkle Brille und die stets kerzengerade Haltung waren sein Markenzeichen: Nach langer Krankheit starb am Sonntag Wojciech Jaruzelski, Polens letzter kommunistischer Staatschef, im 91. Lebensjahr. Vor ein paar Wochen hatte der greise General noch mit Berichten über eine angebliche Affäre mit seiner Krankenschwester für Gerede gesorgt. Irritiert, ja verstört reagierten sowohl Leidtragende des Kriegsrechts von 1981 als auch die Angehörigen der beim Massaker von 1970 an der Ostseeküste erschossenen Arbeiter auf diese letzte Eskapade des Ex-Kommunisten.

Seine Rolle in der Geschichte Polens ist zweideutig: Bis heute diskutieren Anhänger und Kritiker Jaruzelskis darüber, ob er sich in der Glasnost- und Perestroika-Zeit des Sowjetführers Michail Gorbatschow vom Saulus zum Paulus gewandelt und Polen auf Reformkurs gebracht hat. War es womöglich Jaruzelski, der durch die Zusammenarbeit mit dem Arbeiterhelden Lech Walesa und dessen Gewerkschafts- und Freiheitsbewegung Solidarnosc die unblutige Machtübergabe der polnischen KP 1989 ermöglicht hatte? Viele Polen halten dies für möglich. Sie betonen auch, dass sich Jaruzelski für die Verhängung des Kriegsrechts 1981 öffentlich entschuldigt hat.

Zwiespältiges Vermächtnis

Etliche Polen gehen so weit, in Jaruzelski sogar einen tragischen Patrioten zu sehen, der 1981 dem Einmarsch der Sowjets nur zuvorkam und die Polen so vor dem Schlimmsten bewahrte. Der Ex-General selbst wurde nicht müde, diese Geschichtsversion zu verbreiten. Doch sie scheint falsch zu sein. Nach allen bisher zugänglichen polnischen, sowjetischen und DDR-Akten plante Moskau zu keiner Zeit einen Einmarsch.

Zwar hatte Jaruzelski die Kreml-Chefs mehrfach um "Bruderhilfe" gebeten und in Erich Honecker, der für die DDR eine Ansteckung fürchtete, einen willigen Helfer gefunden - doch Moskau winkte ab. Die Sowjets organisierten allerdings Militärübungen an Polens Ostgrenze, um Jaruzelski Argumentationshilfe für sein Kriegsrecht zu geben. Zehn Jahre später war es mit der Macht dann vorbei. 1990 trat Jaruzelski von seinem Amt als Übergangspräsident der jungen Demokratie Polens zurück. (Gabriele Lesser aus Warschau, DER STANDARD, 26.5.2014)

  • Wojciech Jaruzelskis Rolle in der Geschichte Polens ist zweideutig
    foto: ap/mori

    Wojciech Jaruzelskis Rolle in der Geschichte Polens ist zweideutig

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