Erdogan in Köln: Skrupellos auf Stimmenfang

Kommentar25. Mai 2014, 16:54
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Der türkische Premier hat in Deutschland Wahlkampf in eigener Sache gemacht

Er kam mit seiner alten Parole nach Köln: Integration ja, Assimilierung nein, hämmerte Tayyip Erdogan seinen Anhängern ein; lernt Deutsch, aber vergisst das Vaterland nicht, mahnte der türkische Regierungschef.

Doch so einfach ist das alles nicht. Tayyip Erdogan kam, um Wahlkampf in eigener Sache zu machen. Der zunehmend autoritär regierende Premier wollte sich in Deutschland Unterstützung für seinen aggressiven, antidemokratischen Kurs gegen Kritiker und Andersdenkende abholen. Und er bekam sie: von frustrierten Migranten, von Türken, die nach Selbstbestätigung hungern, im Nationalrausch schwelgen, nur zu gern das Bild von einer mächtigen neuen Türkei glauben, das ihnen Erdogan vorspiegelt.

Welchen Dienst an der Integration der türkische Regierungschef damit tatsächlich leistet, bleibt dahingestellt. Mit 1,3 Millionen türkischen Wählern ist Deutschland die achtgrößte türkische Provinz, hinter Konya (1,4 Mio.) in Zentralanatolien und vor Mersin (1,1 Mio.) im Südwesten. Nur das zählt gegenwärtig für Erdogan. In zweieinhalb Monaten will er sich zum Staatschef wählen lassen.

Wie skrupellos der türkische Premier auf Stimmenfang geht, hat sich in Köln auch bei seinen Attacken gegen das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel"  gezeigt. Der Türkei-Korrespondent habe ihn, Erdogan, in einem jüngsten Bericht "zur Hölle" geschickt, rief der Regierungschef. Das aber ist eine Verfälschung der Tatsachen. Hasnain Kazim, der pakistanischstämmige deutsche Reporter, hatte in seinem Bericht über das Grubenunglück in Soma einen türkischen Minenarbeiter zitiert. Der sagte: "Zur Hölle mit Erdogan."

Gegen Kazim begann eine Rufmordkampagne auf Twitter. Als Todesdrohungen folgten, zog der Spiegel ihn und seine Familie aus der Türkei ab. Dem türkischen Außenministerium, das sonst alle Vorgänge auf diesem Erdenrund kommentiert, fiel dazu nichts ein. (Markus Bernath, DER STANDARD, 26.5.2014)

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