Hochwasser: Als die Bosna böse wurde

Reportage25. Mai 2014, 15:01
8 Postings

Keine Notschlafquartiere, dafür Seuchengefahr und Engpässe bei den Hilfslieferungen - die bosnischen Behörden stoßen an ihre Grenzen  

Maglaj - Es war ein normaler Regen. Nichts deutete darauf hin, dass er die Bosna zu einem bösen Fluss machen würde, der den Menschen gefährlich werden könnte. Der Regen dauerte nur einfach sehr lange. Es war so als hätte der Winter, der diesmal in Bosnien-Herzegowina praktisch ausgeblieben war, nun doch als Frühlingsunwetter getarnt, das Land heimgesucht.

In Maglaj stieg die Bosna zunächst bis zu den Böschungen. Dann überschwemmte sie die Straße, die am Fluss entlang führt. In der Nacht auf 15. Mai erreichte sie dann die Arbeitersiedlung hinter der Straße, ein langgezogenes Haus mit vielen Wohneinheiten, Balkonen und Rosengärten. Niemand hatte die acht Familien, die hier leben, gewarnt. Der Strom fiel aus. Es wurde dunkel. “Das war das Schlimmste”, erzählt Amela K. “Wir konnten nicht mehr sehen, wie weit der Fluss schon zu uns vorgedrungen war.”

Moschee blieb verschont

In Maglaj, einer Stadt mit etwa 25.000 Einwohnern in Zentralbosnien, die unterhalb einer alten Festung liegt, starben durch das Hochwasser zwei Menschen. Der Fluss schwappte einfach über die Stadt und flutete Tonnen an Schlamm in die Wohnungen, er schwemmte schweres, dickes Treibholz an, das gegen die Zäune krachte und diese zerstörte. Nur die osmanische wunderschöne Moschee, die etwas höher gelegen auf der anderen Seite des Flusses liegt, konnte das Wasser nicht belangen.

Seit Tagen nun schaufeln Soldaten und freiwillige Helfer den Schlamm aus den Wohnungen. Nach dem kalten Regen ist es nun furchtbar schwül in Maglaj. Auf den Gesichtern, derer, die hier Müll aufräumen und Wohnungen putzen, steht der Schweiß. Es riecht nach Fäulnis. Die Bosna hat sich zwar wieder zurückgezogen, doch nach dem Abrinnen des Wassers liegt nun der gesamte Hausrat, Decken, Kleidungsstücke, Möbel, ein unermesslich großer Haufen an dreckigem, stinkigem Müll in der Stadt herum.

Giftschlangen im Vorhaus

Und die Bosna hat nicht nur die Häuser und das Hab und Gut der Maglajer zerstört, sie hat auch Schlangen in die Häuser gespült. Die Frauen von der Arbeitersiedlung erzählen etwa, dass eine giftige Hornotter sich in ihrem Vorhaus schlängelte. Noch mehr Angst als vor den Schlangen, haben die Menschen hier aber vor Minen, die verschwemmt worden sein könnten. „Es war eigentlich ein normaler Regen“, sagt Amela K. Niemand konnte ahnen, dass dieser Regen zu einer derartigen Heimsuchung werden konnte.

Nerminka Vilašević war in der Nacht, als die Bosna ihre Wohnung flutete,  zu ihrer Tochter geflohen. Ihr Mann war alleine zurückgeblieben. Herr Vilašević saß in dem kleinen Zimmer im Rollstuhl und starrte auf das Foto seiner Tochter, das dort an der Wand hängt. Er spürte von Minute zu Minute das Wasser um seine Beine steigen. Alle halben Stunden kletterte es in dieser Nacht um 25 Zentimeter höher. Irgendwann würde es sogar das Bild seiner Tochter erreichen. Herr Vilašević konnte nicht mehr aus dem Zimmer hinaus, den Rollstuhl nicht mehr bewegen.

Von den Nachbarn gerettet

Als die Nachbarn flohen, erinnerten sie sich an den Mann in dem Rollstuhl in dem kleinen  Eckzimmer, sie pressten die Tür auf und trugen ihn aus dem Haus. Da reichte das Wasser bereits bis zu seinem Nabel. Kurze Zeit später wäre es zu spät gewesen. “Ich habe all meine Sachen verloren”, sagt nun seine Frau, Nerminka Vilašević. Nur der Elektroherd steht noch in der Wohnung. Von diesem kann sie aber nicht wissen, ob er noch funktioniert. Denn es gibt noch immer keinen Strom in Maglaj.

Zwischen den Häusern lagern zerfetzte Sofas, Treibholz und zerstörte Möbel. „Wir haben noch 48 Stunden bevor Seuchen ausbrechen können“, sagt Merzida D., die als Freiwillige mit der bosnischen Armee beim Aufräumen hilft und ihren Mundschutz zurechtzupft. Weiß gekleidete Leute gehen durch die Stadt, die wie Astronauten aussehen. Sie tragen Schutzanzüge und desinfizieren mit Spritzgeräten die Häuser.

Ausnahmezustand im verschlafenen Ort

Maglaj ist eigentlich eine hübsche, verschlafene Stadt. Normalerweise sitzen hier Polizisten vor dem zentralen Caféhaus, von dem sie aus die Stadt beobachten können. Sie sehen dann etwa, wie die Jugendlichen hinauf zur Burg gehen und wie der Fußball über die Burghofmauer gekickt wird. Sie können das glänzende Dach der Moschee sehen und das klare Grün des Waldes und das klare Blau des Himmels. Doch jetzt ist nicht normalerweise. Nichts ist mehr klar. Die Stadt ist mit einer fahlen Lehmschicht bedeckt. Staub steht in der Luft. Es ist so, als hätte die wildgewordene Bosna einen giftigen Schleier über Maglaj gelegt.

2000 bosnische Soldaten sind im ganzen Land zum Aufräumen im Einsatz, in Maglaj sind es gerade mal 15. Es fehlt hier an vielem, etwa an einem Platz, an den man den Müll bringen kann und an Autos und Lastwagen, die diesen wegbringen. Denn praktisch alle Fahrzeuge wurden durch die Fluten ruiniert. Es fehlt auch an einer Möglichkeit, die verendeten Tiere, Kühe, Katzen, Hühner, zu verbrennen. Das wäre aber wichtig, um einer Epidemie vorzubeugen, sagen die Armee-Helfer. Man bräuchte auch mehr Volontäre, die bei den Aufräumarbeiten helfen. Und es fehlt an Koordination.

Wut auf die Behörden

Die Frauen in der Arbeitersiedlung sind zornig, weil sie nicht informiert wurden, dass die Bosna überhaupt über die Ufer treten kann. Sie fühlen sich von ihrem Staat verlassen. „Drei Tage lang hatten wir hier gar nichts zu essen“, erzählt Namika Hadžišehić. “Die Gemeinde macht nichts, sie weiß nicht einmal wo die Leute sind die Hilfe brauchen”, meint die 57-Jährige, die versucht möglichst viel Normalität zu erzeugen, indem sie etwa die Haare wieder schön machen will und deshalb einen Lockenwickler über der Stirn trägt. “Wir werden von privaten Helfern versorgt”, erzählt Hadžišehić. Vor allem die Hilfe durch Studenten und Schüler, die aus dem ganzen Land kommen, sei bemerkenswert. In Maglaj gäbe es aber nicht einmal eine Notschlafstelle, alle Evakuierten seien bei Freunden und Familien untergebracht. „13 Leute sind allein in der Wohnung, wo ich schlafe“, erzählt Hadžišehić von den Umständen der Flutopfer.

Sie stapft durch die zerstörten Räume des Hauses. Immerhin hat sie wieder ihre Zimmerpflanze aufgestellt. Doch Frau Hadžišehić kann nicht einmal im Traum daran denken, bald wieder in ihre Wohnung einzuziehen: Böden, Türstöcke, Wände, alles ist kaputt. Auch die roten Rosen im Vorgarten sind mit dem Schlamm der Bosna überzogen. Weil es keinen Strom gibt kann man natürlich nichts kochen. „Also essen wir Konserven. In der Früh Thunfisch, zu Mittag Sardinen und am Abend Hühnerpastete.  Das ist jetzt unser Leben”, sagt Hadžišehić. Von sechs bis elf Uhr kommt Wasser aus dem Wasserhahn und man kann sich waschen, trinken kann man das Wasser aber nicht, weil es verseucht ist. Auch am Nachmittag zwischen 15 und 18 Uhr gibt es Wasser.

Schlecht koordinierte Hilfslieferung

Besonders empört sind die Frauen darüber, dass die Hilfslieferungen aus dem In- und Ausland nicht zu ihnen gelangen, sondern in zwei Lagern, die ein paar Kilometer außerhalb der Stadt liegen, gestapelt sind. Jeder müsse einzeln zum Lager gehen. Es sei nicht erlaubt, dass man auch für andere Leute, Familienmitglieder oder Freunde Wasser und Nahrungsmittel hole. “Aber was ist mit den Alten und Kranken? Die können ja nicht zum Lager gehen und etwas holen. Die bekommen gar nichts!”, empört sich die resolute Frau Hadžišehić. Sie selbst sei dort gewesen, aber die Warteschlange sei so lange gewesen, dass sie in der Hitze aufgegeben habe.

“Es hat uns niemand geholfen und es hilft uns auch jetzt noch niemand”, ärgert sich auch Amela K. “Nur das Radio Antena war bei uns in der Not, die waren die einzigen die uns informiert und begleitet haben“, erzählt die Frau, die eigentlich in der Schweiz lebt, aber zufällig gerade in Maglaj ist, weil ihre Mutter krank wurde. Früher habe es hier nie so eine Überschwemmung gegeben, meint sie.

Arbeiter in Fabrik eingesperrt

Als der Regen nicht mehr aufhörte, stieg auch in der Papierfabrik Hayat draußen vor der Stadt das Wasser. Die Bosna riss die Metallbrücke, die hinüber zu dem Industriegelände führt, mit sich. 48 Arbeiter waren in der Fabrik eingesperrt. Das Wasser war dort drei Meter hoch. Draußen schlug das Treibholz an. Das Radio funktionierte noch. “Rettung kam schließlich vom Raftingclub im weit weggelegenen Konjic, der einen Kajak nach Maglaj brachte und den Eingeschlossenen aus der Fabrik half”, berichtet Frau K.

Die Geschichte der Hochwasser in Bosnien-Herzegowina ist eine Geschichte darüber ,wie die Bosnier in der Not zusammenhalten, wie Bürger sich organisieren, während die Behörden zum Teil versagen. Es ist die Geschichte von Solidarität und Hilfsbereitschaft, die lange in den Erinnerungen der Menschen bleiben wird und die vielleicht sogar die Politik beeinflussen könnte. Der tägliche Polit-Hickhack zwischen serbischen, bosniakischen und kroatischen Politikern war schon immer absurd. Doch diese Absurdität wurde nun angesichts der Katastrophe so richtig an die Oberfläche gespült.

Lager werden bewacht

In der Lagerhalle außerhalb der Stadt steht Atif Spahić und brüllt ins Handy, das permanent läutet. Der Leiter des Krisenstabs der Hilfsorganisation Merhamet versucht, eine Ordnung in das Chaos zu bringen. Überall liegen Plastiksäcke mit Kleidern herum. Fünf-Liter-Plastikflaschen mit Wasser werden hier gestapelt. Einige der Spenden sind aus Österreich, die Organisation arbeitet etwa mit den Maltesern in Graz zusammen. Es wird Buch geführt. Das Lager wird bewacht. Jeder der kommt, wird registriert. Denn Spahić erzählt, dass es Leute gegeben habe, die sich bereichert hätten. “Manche haben ihre Garagen gefüllt”, sagt er. „Nun darf hier nur mehr das Rote Kreuz Pakete holen.“ So streng dürfte dies aber dann doch nicht sein. Als Spahić redet, fährt ein Auto ohne Rote-Kreuz-Leute vor und lädt Essenspakete ein.

“Wie kann es sein, dass hier Wasser steht und die Leute unten in der Stadt haben nichts zu trinken?”, fragt Amela K. empört. “Wie kann es sein, dass es hier Babynahrung gibt und die Babys in der Stadt haben nichts zu essen?” Herr Spahić schwitzt. Er beginnt beinahe zu weinen. “Alle beschimpfen mich”, sagt er. “Ich brauche mehr Leute, die hier helfen und ich brauche Fahrzeuge, die die Sachen wohin bringen.”

Angst vor Korruption

Laut Spahić würden Gemeindebedienstete bestimmen, wer was bekomme. Manche in Maglaj haben das Gefühl, dass diese Gemeindebediensteten keinen Überblick haben, andere fürchten, dass Korruption im Spiel ist. In Maglaj hat die bosniakische SDA die Mehrheit. Im Herbst sind Wahlen. Zurzeit gibt es hier vor allem Wut auf die Politik.

“Ich habe im Krieg 3300 Lastwagen mit Hilfsgütern aus Deutschland hierher gebracht, aber die letzten fünf bis sieben Tage hier waren viel schwieriger zu organisieren als im Krieg”, versucht sich Spahić zu rechtfertigen. Er beteuert, dass er allein gestern 1000 Pakete an notleidende Menschen verteilt habe. “Wir lernen. Tag für Tag wird es besser.” (Adelheid Wölfl, DER STANDARD, 25.5.2014)

Share if you care.