Erwin Rasinger und der Verfall der Sitten

Blog25. Mai 2014, 14:47
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Laut ÖVP-Gesundheitssprecher Erwin Rasinger haben Trainingsanzug und Hemdsärmeln im Parlamentsplenum nichts zu suchen - detto in der Säulenhalle lungernde Schülergruppen. Sieht er das Hohe Haus als Festung gegen schlechtes Benehmen?

Als Benimmthema ist es nicht neu: Den Vorwurf, dass lässige bis ungewöhnliche Kleidung Ausdruck mangelnden Respekts sei, erheben Ältere seit Generationen gegen Jüngere, Obrigkeit gegen Bittsteller, Vorgesetzte gegen Untergebene, Wien-Bewohner gegen Touristen.

Bei jenen, die den Vorwurf erheben, verbinden sich dabei Geschmacksfragen mit der Verunsicherung, ob die Ordnung, wie man sie kennt und schätzt, in Gefahr ist. Letzteres wird von den lässig oder ungewöhnlich Gekleideten oft auch willentlich geschürt.

Kleiderordnungs-Zorn

Ob das jedoch beim grünen Jugendsprecher Julian Schmid sowie bei Neos-Klubchef Matthias Strolz der Fall ist, darf angezweifelt werden. Dennoch trifft die beiden der Kleiderordnungs-Zorn Erwin Rasingers, Nationalratsabgeordneter und Gesundheitssprecher der ÖVP.

Schmid sitze „mit Trainingsanzug und Turnschuhen im Plenum“, Strolz komme zu Parlamentssitzungen mit „aufgerollten Hemdsärmeln, ohne Krawatte“, kritisiert Rasinger, der auf Pressefotos als Politiker nie anders als in Anzügen abgebildet ist. Dass er, wie er gleichzeitig sagt, auch als Arzt „nicht im Ruderleiberl ordiniert“ (sondern im weißen Kittel, wie es sich gehört), kann man ihm problemlos glauben.

Auf gleicher Ebene

Doch Vorschriften existieren diesbezüglich keine – zum Glück: Es gibt durchaus Ärzte, die sich ihren Patienten in der Ordination ohne ihr Statusgewand präsentieren, also kleidungsmäßig auf gleicher Ebene. Das können gute oder auch schlechte Ärzte sein.

Detto sagen Schlips und Anzug nichts über die Qualität eines Politikers aus. Man denke hier an den deutschen Grünen Joschka Fischer, der 1985 sein Amt als hessischer Staatsminister für Umwelt und Energie in Turnschuhen und grobem Jacket antrat, was damals für Aufregung sorgte - und es in der Folge bis zum deutschen Außenminister schaffte.

Politische Erneuerung?

Möglicherweise erklärt das Beispiel Joschka Fischers auch im vorliegenden Fall ein wenig: Vielleicht lehnt Rasinger das fürs Parlamentsplenum ungewohnte Styling Schmids und Strolzs ja ab, weil er meint, dass einer (wenn auch geringen) Abweichung vom Konventionellen wer-weiß-was-noch folgen könnte: Am Ende gar politische Erneuerung - für einen ÖVP-Mandatar, der seit 20 Jahren im Nationalrat sitzt,  unter Umständen eine ungewohnte Vorstellung.

Darüber hinaus stößt sich Rasinger an Schülergruppen, die auf Parlamentsbesuch, wie er sagt, „in der Säulenhalle teils herumliegen“. Der Besucherandrang  an Plenumstagen sei daher einzuschränken, fordert er: Ein Vorschlag, dessen Umsetzung dazu führen würde, dass das Hohe Haus mit der Außenwelt noch weniger als bisher zu tun hätte – weil sich Teile der Außenwelt nicht so benehmen, wie man meint, dass es sich gehört.

Gewisse Konfliktschwäche

Hier scheint sich eine gewisse Konfliktschwäche (man könnte besagte Schüler ja auch ernsthaft auffordern, sich im Parlament anders zu verhalten) mit einem Bild des Hohen Hauses als Festung zu vereinen: Als Festung gegen schlechtes Benehmen, das sich Trainingsanzug bewehrt und in Hemdsärmeln auch schon in die eigenen Reihen geschlichen habe. (Irene Brickner, derStandard.at, 25.5.2014)

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