Skepsis und Jubel, Distanz und Pragmatismus

23. Mai 2014, 21:02
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Das Bild der Österreicher von der EU ist starken Schwankungen unterworfen

Am Anfang dominierten die Sorgen: In den Jahren 1993 und 1994 hat das Linzer Market-Institut laufend die Haltung der Österreicher zur EG (die währenddessen zur EU umbenannt wurde) für den STANDARD erhoben. Immer wieder stellte Market-Chef Werner Beutelmeyer die Frage: "Glauben Sie, dass für Österreich im Falle eines EU-Beitritts alles in allem die Vorteile überwiegen, oder erwarten Sie sich, dass bei einem EU-Beitritt eher die Nachteile überwiegen?" Und lange überwog der Anteil der Skeptiker.

Doch die gemeinsame Anstrengung von Regierung und Sozialpartnern in der Kommunikation der Vorteile sorgte für einen Stimmungswandel: In den letzten Umfragewellen vor der Volksabstimmung im Frühsommer 1994 war das Ergebnis dann zu 54 Prozent überwiegend EU-optimistisch und zu 43 EU-skeptisch.

Die Volksabstimmung ging mit einer Zweidrittelmehrheit für die EU aus - genau rechtzeitig hatte sich ein Stimmungsoptimum eingestellt. Ein paar Tage lang wurde gejubelt, ÖVP-Chef Erhard Busek sang sogar die "Internationale" mit, und die Grünen, die die EU-Skepsis am meisten geschürt hatten, machten auf dem Absatz kehrt und bekannten sich ("mit Demut vor dem Volkswillen") als konstruktive Europäer.

Doch dann kehrte der Alltag ein - die Regierung war zu sehr damit beschäftigt, den Beitritt administrativ zu bewältigen, als dass sie die positive Stimmung hätte nützen können. Den seinerzeit erhobenen Vorwurf Beutelmeyers, die Regierung versäume das "After Sales Service", bestätigt im Rückblick Caspar Einem (SPÖ), der damals gerade aus der Wirtschaft in die Regierung wechselte: "Das hat es nicht gegeben."

Schwarz-Blau und die Krise

Aus EU-Skeptikern wurden Gegner; wer im Sommer 1994 gejubelt hatte, ging auf Distanz. Das wurde schon nach wenigen Wochen deutlich - einen Höhepunkt erreichte die Ablehnung der EU während der Sanktionen, die von den anderen Mitgliedsländern verhängt wurden, als im Jahr 2000 Wolfgang Schüssel (ÖVP) eine Regierung mit den Freiheitlichen bildete. Die Krise nach 2008 führte die Österreicher wieder näher an die EU - inzwischen diagnostiziert Beutelmeyer eine pragmatische Haltung bei der Mehrheit.

Dabei zeigt der Langzeitvergleich der Market-Umfragen: Heute gibt es deutlich mehr Menschen in Österreich, die einen persönlichen Vorteil in der EU-Mitgliedschaft sehen als 2004 - sie halten sich mit denen, die Nachteile sehen, die Waage. (cs, DER STANDARD, 24.5.2014)

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