Die Richtung ist relativ

23. Mai 2014, 19:38
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Das Erleben mitteleuropäischer Verbundenheit ist eine prägende Erfahrung

Die eine unendliche Schlange schnauft sich auf gepflastertem Steig den Berg hinauf, die andere schiebt sich, an jener vorbei, denselben wieder hinunter. Eine enthusiastische Prozession, wild entschlossen zum fröhlichen Naturerlebnis in ihrem kleinen Stück Hochgebirge nahe Zakopane, einer Art polnischem Ischgl.

Am ersten Tag in Warschau, Frühstück mit Blick auf die Bauten des sozialistischen Klassizismus entlang der Prachtstraße Marszalkowska, an den Nebentischen Gurkenvertilger von unwirklicher Unersättlichkeit.

Ja, manchmal wirkt Polen auf den Novizen liebenswert kurios. Bald aber stellt sich ein Gefühl von Vertrautheit ein. Vieles erscheint dann als Variante von Bekanntem - und das nicht nur, wenn sich der Erdäpfelsalat zum Schnitzel als gedünstetes Weißkraut entpuppt.

Das Erleben mitteleuropäischer Verbundenheit ist die eine prägende Erfahrung meiner seit einiger Zeit aus höchstpersönlichen Gründen angetretenen östlichen Reisen. Die andere, wie sich eine ganz neue Welt auftut, ein Raum aus dem Abseits des Bewusstseins wirklich wird.

Dabei immer wieder Erschütterung, eingedenk der monströsen Verbrechen, die diesem Land und seinen Menschen gerade auch von Österreichern angetan worden sind. Vor 70 Jahren war das, mitten in Europa. (Michael Robausch, DER STANDARD, 24.5.2014)

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