Eine Monarchin regiert Europa

Rezension23. Mai 2014, 19:06
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Eine Reihe von Büchern beschäftigt sich mit Europa. Aus Anlass der EU-Wahl ein Überblick von Alexandra Föderl-Schmid.

Um mit dem besten Buch zu beginnen: Europas Drahtzieher - Wer in Brüssel wirklich regiert, geschrieben von Cerstin Gammelin und Raimund Löw. Dass sich die Korrespondentin der Süddeutschen Zeitung und ihr Kollege vom ORF in und mit den Institutionen der EU auskennen, davon kann man als Medienkonsument ausgehen. Der Mehrwert ihres Buchs liegt in den Quellen. Das sind nicht nur Gespräche mit Entscheidungsträgern, sondern vor allem die geheimen Protokolle der EU-Gipfel, in die die beiden Autoren Einsicht nehmen konnten.

Das Wort Antici elektrisiert in Brüssel jeden, weshalb auch in diesen Kreisen das Buch herumgereicht wird. Denn die sogenannten Antici-Protokolle sind vertraulich und zeigen, wie es zur Sache geht, wenn die Staats- und Regierungschefs wirklich unter sich sind. Die Bezeichnung geht auf den italienischen Diplomaten Paolo Massimo Antici zurück, der dieses System der Protokollierung in den 1970er-Jahren erfand.

Wie die Auszüge aus diesen Mitschriften zeigen, dominieren sehr stark nationale Interessen, wenn die Repräsentanten der nunmehr 28 EU-Staaten feilschen. Da werden Untergriffe eingesetzt, es wird hart gerungen, Allianzen werden geschmiedet. Die Autoren zeichnen fast seismografisch die Eurokrise und ihre Folgen nach: Manchmal ist es schwierig, den Überblick zu bewahren, weil im Buch die Ereignisse nicht chronologisch geordnet sind.

Deutlich wird, wie sich etwa Deutschland vehement gegen die Bankenunion zur Wehr gesetzt und der konservative EU-Kommissar Michel Barnier ebenfalls zu den massiven Bremsern gehört hat. Die Frage, ob man nicht durch raschere Entscheidungen Milliarden hätte sparen können, wird beantwortet.

Die Autoren beschränken sich nicht auf Kri-tik und Nacherzählen, sondern machen auch konkrete Vorschläge, zum Beispiel wie ein soziales Europa aussehen könnte: indem es etwa eine europäische Arbeitslosenversicherung oder eine Europa-Rente gibt. Das wollen aber die Mitgliedsstaaten nicht - schon gar nicht vor einer Wahl.

Auch Gammelin und Löw haben über Bewertungen gerungen. Die Autoren gestehen sympathischerweise ein, dass sie "beim Schreiben ein Gefühl dafür bekommen haben, wie schwierig es sein muss, unter 28 einen Kompromiss hinzubekommen. Unser Respekt vor der Ausdauer der europäischen Protagonisten ist gewachsen".

Bei einem Befund sind sie sich einig: Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel ist "die Monarchin", sie regiert Europa. Der österreichische Bundeskanzler Werner Faymann kommt fast gar nicht vor, was wiederum viel sagt.

Zu ähnlichen Einschätzungen über Merkels Dominanz ist bereits Robert Menasse in seinem 2012 erschienenen Buch Der Europäische Landbote gekommen. Auf Spuren Georg Büchners hatte er eineKampfschrift mit dem Untertitel Warum die geschenkte Demokratie einer erkämpften weichen mussgeschrieben. Dieses Buch basiert auf Menasses eigenen Erfahrungen in Brüssel und zeichnet ein positiveres Bild der EU-Institutionen - den Rat ausgenommen und hier insbesondere Merkel -, als dies einst Hans Magnus Enzensberger mit seinem Essay Sanftes Monster Brüssel getan hat.

Viele Zahlen und bekannte Argumente haben Robert Misik, der auf derStandard.at mit einem Videoblog präsent ist, und Michel Reimon für das Buch Supermarkt Europa - Vom Ausverkauf unserer Demokratiezusammengetragen, das bei aller Kritik auch eine positive Sicht auf Europa bietet. Die meisten Ansichten sind nicht wirklich neu und erwartbar, aber gut zusammengeschrieben. Die Buchpräsentationen verleihen dem Grünen-Politiker Reimon im Wahlkampf die Möglichkeit zusätzlicher Auftritte.

Deutlich trockener ist das Buch des Historikers Michael Gehler. Wie der Titel Europa - Von der Utopie zur Realität schon beschreibt, werden historische und philosophische Grundlagen ausgeleuchtet: von Dante Alighieri über Richard Coudenhove-Kalergi und dem Plan von George Marshall bis zu den Verträgen von Maastricht und Lissabon. Es ist eher ein Nachschlage- denn Lesebuch.

Noch kompakter ist Europa wohin?, das nach Darstellung seines Herausgebers Herwig HöseleStatements, Informationen, Daten & Fakten bietet. In dem bei Leykam erschienenen Bändchen sind auch Einschätzungen von EU-Korrespondenten (darunter Thomas Mayer vom Standard) und Kandidaten enthalten, von denen zwei nicht mehr zur Wahl stehen: Andreas Mölzer und Ulrike Haider. So schnell können Entwicklungen in Europa verlaufen. (DER STANDARD, 24.5.2014)


Cerstin Gammelin, Raimund Löw, "Europas Drahtzieher - Wer in Brüssel wirklich regiert", € 20,60 / 384 Seiten, Econ- Verlag, Berlin, 2014

Robert Misik, Michel Reimon, "Supermarkt Europa - Vom Ausverkauf unserer Demokratie", € 7,90 / 128 Seiten, Czernin- Verlag, Wien, 2014

Michael Gehler, "Europa - Von der Utopie zur Realität", € 14,95 / 424 Seiten, Haymon Taschenbuch, Innsbruck/Wien, 2014

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