Eine Reise 8000 Kilometer durch den Kontinent

Porträt23. Mai 2014, 19:26
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Der Berliner Fotograf Frank Schirrmeister tourte, als überall nur von Krise die Rede war, drei Monate lang im Campingbus durch Europa 

Natürlich kann man die Krise sehen und als Fotograf auch ganz plakativ zeigen. Da braucht man nur in den Flieger nach Athen steigen und dann ein paar heruntergekommene oder geschlossene Geschäfte abbilden - oder junge Menschen, die in der Sonne sitzen und trinken - nicht weil sie die Wärme genießen, sondern weil sie keine Arbeit haben.

"Aber so eine klassische Krisenreportage hatte ich nicht im Sinn", erinnert sich Frank Schirrmeister im Standard-Gespräch an die Vorbereitungen seiner Reise. 2010 war das, überall war nur noch von Krise die Rede: Eurokrise, EU-Krise, Schuldenkrise, Bankenkrise. Wo die Krise außer in den Medien sei, fragt sich Schirrmeister. Er nahm sich vor, ihr in die EU-Staaten hinterherzureisen und zu schauen, wie die Menschen auch jenseits der Krise leben oder ob diese sich "in das Alltagsleben der Europäer hineinfrisst".

Den Arbeitstitel gibt es schon, als er sich im Mai 2011 mit seiner Freundin in einem 20 Jahre alten Campingbus auf den weiten Weg macht: "Beyond Crisis". "Beyond" nämlich, findet er, sei ein schönes Wort: jenseits, darüber hinaus - irgendwie unbestimmt. Zuerst geht es Richtung Süden, zunächst nach Österreich. In seinen Bildband hat Schirrmeister jedoch nur ein einziges Foto aus Österreich aufgenommen.

Gut so, denkt man spontan, denn dieses ist deprimierend genug: ein Seniorenwohnheim in Unterpremstätten (Steiermark). Saubere Häuschen in einer kleinen Gasse, akkurat gepflasterter Weg, aber kein Mensch ist zu sehen, Einsamkeit und Kälte wie auf einem Gemälde von Edward Hopper. "Ich finde, es sagt erschreckend viel darüber aus, wie die Gesellschaft mit ihren Alten umgeht", meint Schirrmeister.

Doch auf den 8000 Kilometern, die er in drei Monaten zurücklegt, kommen dem 46-Jährigen natürlich auch jede Menge Menschen vors Objektiv. Schon bald, im italienischen Riva Trigoso, hält Schirrmeister ein für ihn ganz besonderes Bild fest: Am Strand am Meer sonnen sich Menschen. Und direkt hinter ihnen ragt ein monströses Kriegsschiff ins Bild und scheint sich seinen Weg zu bahnen.

Als er dieses Foto macht, ahnt Schirrmeister, dass seine "Erzählung", wie er die Reise nennt, "funktionieren wird". Aus heutiger Sicht scheint das Schiff damals schon ein Vorbote gewesen zu sein. Zwar vergeht 2011 kein Tag, an dem nicht das Wort "Krise" dutzendfach gebracht wird. Doch etwas noch Schlimmeres, nämlich Krieg, ist in jener Zeit außerhalb jeder Vorstellungskraft.

"Dabei müssten wir doch gerade jetzt jeden Tag eine Kerze anzünden und dankbar sein, dass es die EU gibt und welche Errungenschaft sie ist", meint er mit Blick auf den Konflikt in der Ukraine und auch auf das Gedenken an die Jahre 1914 und 1939, die Europa seine größten Kriege bescherte.

Schirrmeister wurde in der DDR geboren, nach seiner Ausbildung zum Facharbeiter für Anlagentechnik studierte er Geschichte und Europäische Ethnologie an der Berliner Humboldt-Universität sowie Filmwissenschaft an der University of East Anglia in Norwich (England). Von 2004 bis 2007 folgte die Ausbildung an der Ostkreuz Schule für Fotografie in Berlin Weißensee, danach war er bis 2009 in der Meisterklasse bei Arno Fischer.

Abgesehen von der Krise interessiert ihn auf seiner Reise noch etwas: Gibt es so etwas wie eine europäische Identität? Oder weiß man immer noch genau, in welchem Land man sich befindet? Letzteres verneint Schirrmeister. Im französischen Calais wähnte er sich in Rumänien, in Albaniens Hauptstadt Tirana erlebte er Vibrieren und Aufbruchsstimmung, wie man sie in der EU kaum mehr findet.

Sitzen auf dem Pulverfass

Überall, so erzählt er, habe er die Sorge der Menschen vernommen, dass die EU eines Tages "vor die Wand fahren" könnte, niemand aber diesen Zug zu stoppen vermöge und daher "die vermögenden Eliten versuchen mitzunehmen, was noch zu kriegen ist". Er selbst hat oft den Eindruck: "Wir sitzen auf einem Pulverfass." Die soziale Spaltung werde immer tiefer. Auf seinen Bildern sieht er selbst viel Melancholie.

Nicht gut ist er auf Kanzlerin Angela Merkel zu sprechen: Die "neoliberale, marktkonforme Politik der EU-Kommission unter Federführung der deutschen Regierung ist ein Beitrag zu den überall zu beobachtenden Renationalisierungstendenzen".

Ein wenig vergleicht er die Stimmung der Menschen mit jener in der Post-DDR-Zeit: "Solange der Staat existierte, haben sich die Menschen an ihm gerieben, ihn verflucht massenhaft verlassen und verachtet." Erst als es die DDR nicht mehr gab, sei ihnen dann klar geworden, dass sie doch eine gemeinsame Identität gehabt hätten. In den vergangenen Tagen hat Schirrmeister wieder Koffer gepackt. Erneut geht es auf Tour quer durch Europa. Diesmal ist nicht nur seine Freundin dabei, sondern auch der vier Monate alte Sohn. "Wer weiß", sagt Schirrmeister, "vielleicht entsteht auch aus dieser Reise wieder ein Projekt." Fotos wird er auf jeden Fall auch diesmal wieder viele mitbringen. (Birgit Baumann aus Berlin, DER STANDARD, 24.5.2014)

  • "Beyond Crisis - A European Journey" hat der Berliner Fotograf Frank Schirrmeister seinen Bildband über seine 8000 Kilometer lange Tour durch Europa genannt.
    foto: birgit baumann

    "Beyond Crisis - A European Journey" hat der Berliner Fotograf Frank Schirrmeister seinen Bildband über seine 8000 Kilometer lange Tour durch Europa genannt.

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