George Washingtons Prognose harrt noch ihrer Erfüllung

23. Mai 2014, 18:52
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Wichtig ist woanders: Europa ist für die USA von gestern

Schon George Washington (1732-1799) war ein erklärter Anhänger der europäischen Integration. In einem Brief an den Marquis de La Fayette, den französischen Freund, der an seiner Seite für die Unabhängigkeit der amerikanischen Kolonien kämpfte, gab er sich überzeugt: "Eines Tages, orientiert am Modell der Vereinigten Staaten von Amerika, werden die Vereinigten Staaten von Europa entstehen". Noch immer, könnte man zugespitzt sagen, ist der amerikanische Blick geprägt von einem gewissen Unverständnis darüber, wie lange es dauert, bis die Prognose Washingtons endlich Wirklichkeit wird.

Europa, das ist die Welt von gestern. Hier und da Qualitätsweltspitze, aber eben auch eine Kleingartensiedlung mit vielen Parzellen, zu detailverliebt, zu sehr mit sich selbst beschäftigt, als dass es dem aufstrebenden Asien das Wasser reichen könnte. Als das Pew-Institut neulich ermittelte, wie Amerikaner die Welt sehen, hätte das Ergebnis kaum eindeutiger ausfallen können. 48 Prozent halten schon heute China für die führende Wirtschaftsmacht, 31 Prozent orten die USA nach wie vor an der Spitze, acht Prozent Japan - und nur fünf Prozent die Europäische Union. Auf der Beliebtheitsskala hingegen rangieren Großbritannien, Deutschland und Frankreich weit oben, dicht hinter den führenden Kanadiern, den als ebenso harmlos wie verlässlich geltenden Nachbarn. Sympathiepunkte für "Good Old Europe", aber ernst nimmt man es nicht.

Sie arbeiten, um zu leben

Europäer leben besser, besagt das Klischee. "Europäer arbeiten, um zu leben. Amerikaner leben, um zu arbeiten", schreibt die Huffington Post, transatlantische Vergleiche anstellend. Europas Gesundheitssysteme sind billiger und effizienter, der Käse ist würziger, der Urlaub länger. Das metrische System, dessen sich die Europäer in ihrer großen Mehrheit bedienen, weniger umständlich als das eigenwillige Messen in Feet und Inches. Es gibt Burgen und Schlösser, die, wollte man sie kaufen, weniger kosten dürften als ein Apartment am Central Park in New York, während Amerika Burgen und Schlösser nur aus dem Disneyland in Orlando kennt. In Europa fahren Busse und Bahnen mehr oder weniger pünktlich nach Plan, in Amerika mit seinem verkümmerten öffentlichen Nahverkehr (ein paar urbane Ausnahmen bestätigen eher die Regel) sind Fahrpläne allenfalls grobe Orientierungshilfen. Selbst der skurrile Eurovision Song Contest, lobt die Huffington Post, sei interessanter als das zunehmend biedere Gegenstück American Idol. Man greife sich nationale Gefühle, schüttle sie mit einer ordentlichen Portion an Lächerlichem kräftig durch und heraus komme ein recht unterhaltsames Spektakel. Kurzum, Europa kann amüsant sein. Aber wirklich wichtig ist es nicht mehr. Letzteres spiegelt sich in der Berichterstattung amerikanischer Medien über die EU-Wahl. Abgesehen von der weltoffenen New York Times, lässt sich so gut wie nichts dazu finden.

Europa ist Parteiensache. Barack Obama, der Demokrat, lässt schon mal so etwas wie Sympathien für die schwierige Konsensbildung einer Staatenunion mit 28 Mitgliedern erkennen. Verglichen mit dem Kongress auf Capitol Hill, in dem sich zwei Parteien praktisch nie einig werden, hat er einmal nur halb im Scherz angemerkt, verdiene es Respekt, dass in Brüssel überhaupt Entscheidungen fallen. Die Republikaner dagegen bedienen sich Europas, einer Karikatur Europas, gern, um im Alarmton vor den Gefahren der Rutschbahn in den Sozialismus zu warnen: Krankenversicherungspflicht ist gleich medizinische Mangelwirtschaft ist gleich unamerikanisch. "Ich fürchte, Präsident Obama will uns zu einem Wohlfahrtsstaat europäischen Musters machen", lautete ein Standardsatz Mitt Romneys, des republikanischen Kandidaten, aus dem Wahlkampf 2012.

Nur: Auch Demokraten trauen Europa nicht mehr viel zu, jedenfalls im globalen Kräftemessen. Selbst Zbigniew Brzezinski, aus Polen stammender Sicherheitsberater des Präsidenten Jimmy Carty, ein Stratege, den auch persönlich viel mit der Alten Welt verbindet, ist keine Ausnahme. Die ökonomische Malaise, vor allem im Süden, lasse die Vorstellung von Europa als politischem und militärischem Schwergewicht immer mehr zur Illusion werden, doziert er in seinem Buch Strategic Vision. "Europa, einst das Zentrum des Westens, ist eine Verlängerung des Westens, dessen bestimmender Akteur Amerika ist."  (Frank Herrmann aus Washington, DER STANDARD, 24.5.2014)

  • Nicht nur die Nasa wirft ein Auge auf Europa - hier der Nordwesten in der Nacht. Der Kontinent gilt vielen Amerikanern als Welt von gestern, gut zum Leben und auch oft amüsant, aber wirklich wichtig? Nein.
    foto: apa/epa / nasa's earth observatory

    Nicht nur die Nasa wirft ein Auge auf Europa - hier der Nordwesten in der Nacht. Der Kontinent gilt vielen Amerikanern als Welt von gestern, gut zum Leben und auch oft amüsant, aber wirklich wichtig? Nein.

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