Kaukasische Träume

23. Mai 2014, 18:46
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Bewegungsfreiheit gilt nur für einen Teil der Europäer

Ich wusste früher kaum, wo Georgien liegt, bis eines Tages eine Au-pair in unser Leben kam. Maka konnte nicht nur unsere neuen Lieblingsspeisen kochen, Katschapuri und Ringhali, die so gut schmeckten, wie sie klangen. Sie konnte wunderschön georgische Lieder singen, die unser Kind in einem Affentempo lernte, ohne die Sprache zu sprechen.

Sie konnte Schach spielen wie eine Großmeisterin und mit dem Kind das georgische Alphabet, von uns nur "Spaghetti-Schrift“ genannt, schreiben, obwohl es noch nicht einmal in der Schule war. Sie konnte Geschichten erzählen, von Tibilisi, Usurgeti und Batumi, als wäre dort das Paradies zu Hause. Und Maka konnte auch träumen, von einem Leben zwischen Georgien und Österreich.

Unerfüllte Träume

Weil sie im Sommer 2007 ihre Jugendliebe geheiratet hat, ist sie nach acht Jahren in Europa 2009 nach Georgien zurückgegangen, auch weil es wenig Aussicht auf ein neues Visum gab. Maka hat heute selbst Kinder, aber keine Arbeit und auch wenig Aussicht darauf. Wenn es wieder heißt, dass Georgien "langfristig“ der EU beitreten wird, dann denke ich an sie, die keine Bewegungsfreiheit besitzt, die ihren Traum von einem Leben zwischen hier und dort nicht leben darf. Mein Europa wäre schöner und kompletter, wäre sie ein vollständiger Teil davon.   ( Mia Eidlhuber, DER STANDARD, 24.05.2014)

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