Europa endlich

23. Mai 2014, 18:50
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In Europa wechseln die Landschaften alle paar hundert Kilometer

Früher einmal schien Europa endlos. Als ich im Liegewagen länger als eine Nacht unterwegs war, bis der Zug in die Stazione Termini einfuhr oder in den Gare de l'Est. Damals, 1977, veröffentlichten Kraftwerk auf Trans Europa Express eine Art Hymne: "Flüsse, Berge, Wälder - Europa Endlos".

Erst später entdeckte ich die wirkliche Endlosigkeit (auch wenn sie natürlich irgendwann endete). Und mir wurde klar, dass man sie erfahren muss. Auf einem kleinen Schiff den Amazonas hinauf nach Manaus, mit dem Bus quer durch den Dschungel oder das, was davon übrig blieb. Mit der transsibirischen Eisenbahn quer durch Russland, mit dem Leihauto quer durch den Mittleren Westen: Da wie dort fährt man tausende Kilometer geradeaus, ohne dass sich Entscheidendes ändert. In Australien zum Beispiel immer roter Sand, hin und wieder ein totes Rind, seltener noch eine Tankstelle.

In Europa hingegen wechseln die Landschaften alle paar hundert Kilometer. Am Neusiedlersee sieht Europa ganz anders aus als in den Tauern. Und dort ganz anders als in Südtirol. Auf der einen Seite der Adria sind Sandbänke, auf der anderen Felsen. Die Olivenhaine in der Mancha unterscheiden sich eindeutig von jenen in der Toskana. Mein Europa wurde endlich. Aber zugleich unheimlich bunt. (Thomas Trenkler, DER STANDARD, 24./25.5.2014)

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