Europa und der verlorene Faden

23. Mai 2014, 19:27
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Europa hat zweifellos etwas Anrüchiges. Wobei das noch euphemistisch ausgedrückt ist. Tatsächlich ist Europa eine Geschichte, die so tief ins Sodomitische geht, dass es, um es den Kindern zu erklären, jene Zeit braucht, die man gemeinhin Bildung nennt.

Europa war die Tochter von Agenor, König aus dem levantinisch-nordafrikanischen Seefahrer- und -handelsvolk der Phönizier. Ihre grazile Anmut machte gar den Himmelvater ganz gamsig, weshalb dieser Zeus sich - der eifersüchtigen Gattin Hera ein mimetisches Schnippchen schlagend - in einen Stier wandelte. Der aber böckelte betörend genug, sodass die Europa sich gerne an die Gestade Kretas entführen ließ, wo die Kuhäugige sich dem Stiergestaltigen - nun ja: ja.

Damit aber ist die zoophile Verstrickung noch lange nicht zu Ende. Ja, jetzt fängt die abendländische Kultur erst richtig an, Wurzeln zu schlagen. Dem Gehörnten gebar Europa ja unter anderen einen Sohn namens Minos, der dann als König über Kreta herrschte.

Verbunden hat er sich mit einer gewissen Pasiphaë. Die aber - das komplizierte Warum und Weshalb sei einmal dahingestellt - tat es der Schwiegermama lustbezüglich gleich. Behilflich war ihr dabei der Hofbaumeister Daidalos. Der entwarf ihr ein mit Kuhhaut bespanntes, heute würde man sagen: Absamungsgestell, in das sie listig schlüpfen konnte, um - nun ja: ja.

Das verschaffte Daidalos den nächsten Auftrag. Die einschlägige Frucht ihres Leibes war nämlich jener stierköpfige Minotauros, den Stiefvater Minos in das Labyrinth steckte, das Daidalos ersann. Um das Geheimnis zu wahren, wurde Daidalos inhaftiert, weshalb er gezwungen war, sich auch dem Flugwesen zu widmen, mit den bekannt fatalen Folgen für Sohn Ikarus.

Bezwungen wurden Labyrinth und Untier schließlich doch, und zwar auf denkbar einfache Weise, durch liebesgestärkte weibliche List. Die minoische Tochter Ariadne, Europas Enkelin also, gab dem herrlichen Helden Theseus jenen Faden mit ins Labyrinth, der so sprichwörtlich geworden ist, dass er ganz Europa bis heute als ein Sinnbild dienen kann.

Apropos Faden verlieren. Auch Österreich hat seine europäischen Wurzeln - auf Naxos. Dort ließ der undankbare und untreue Athener Theseus die Ariadne mutter-, in dem Fall auch großmutterseelenallein zurück. Was blieb Ariadne also übrig, als sich Dionysos an den Hals zu werfen, dem Gott des Weines. (Wolfgang Weisgram, DER STANDARD, 24.5.2014

  • Europa, die Kuhäugige, und der Stiergestaltige, die - nun ja: ja
    foto: sailko

    Europa, die Kuhäugige, und der Stiergestaltige, die - nun ja: ja

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