Türken enttäuscht vom Kontinent der Manipulierer

23. Mai 2014, 18:32
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Europa ist ein einziger Widerspruch für die Türken: geistig frei, aber rechtslastig; reich und schön, aber unehrlich und ungerecht

Endlose Verhandlungen über einen EU-Beitritt haben die Türken frustriert. Sie sind mit den inneren Spannungen beschäftigt.


Es sind keine guten Zeiten. Die Türken, die einmal in die EU wollten, sind nur noch mit sich selbst beschäftigt: die einen verstört, die anderen ihren autoritären Premier verteidigend, als ginge es um ihr eigenes Leben.

Das Grubenunglück in Soma mit den mehr als 300 Toten beschäftigt die Bürger; der mitleidlose Auftritt von Tayyip Erdogan, die parteinahen Unternehmer, die im Land scheinbar alles machen können: Wolkenkratzer bauen ohne Genehmigung, Medien kaufen für den Premier, Minenarbeiter ohne geeignetes Gerät in die Grube schicken. "Wir sind groß geworden, aber wir haben uns nicht entwickelt", sagt eine Soziologin in einem Interview mit einer türkischen Zeitung. "Wir sind wie Frankenstein."

Aus Europa kommt keine Rettung mehr. Neun Jahre Beitrittsverhandlungen mit einem einzigen abgeschlossenen Kapitel haben die Menschen frustriert. Warum es mit dem Beitritt zur europäischen Familie nicht vorangeht, versteht hier niemand. Oder vielmehr: Man weiß es nur zu gut. Europäer sind Manipulierer, Großmeister des doppelten Standards, Ingenieure, die die Türkei mit zweierlei Maß vermessen.

"Unsere Schwachstellen"

"Europäer bauen schöne Straßen, schöne Städte, haben Menschen, die gut aussehen, aber sie spielen immer ein doppeltes Spiel", so fasst ein türkischer Wirtschaftsjournalist die Meinung seiner Landsleute zusammen. "Die Mehrheit denkt so", sagt Akin Aytekin: "Europäer suchen stets nach unseren Schwachstellen, um dann Unruhe im Land zu stiften. Sie warnen uns zum Beispiel ständig, die Menschenrechte einzuhalten. Gleichzeitig aber beherbergen sie Terroristen wie die PKK-Mitglieder und deren Unterstützer, so heißt es. Wir brauchen die Europäer nicht, sagen die Leute also".

Aytekin, der für die türkische Ausgabe des Wall Street Journal arbeitet - ein Ziel ständiger Kritik des Premierministers -, hat selbst gemischte Gefühle gegenüber jenem Europa, das er kennt. Mehr Raum für die persönliche Entfaltung und für intellektuelle Debatten, aber fremdenfeindlich: "ein geistig anregender Kontinent mit hoher Tendenz zum Rechtsextremismus".

Die Türken sehen in der EU, was ihnen im eigenen Land fehlt. die Parkanlagen, der allgemeine Wohlstand, mehr Unabhängigkeit für Frauen. Nur ganz ernst können sie es nicht mehr nehmen. "Europa ist eine Komfortzone", sagt Sema, eine Stadtführerin in Istanbul, die ihre Klientel kennt - reich gewordene Osteuropäer und Bildungsbürger aus dem alten Westen. "Die Leute sind entspannter, flexibler. Im Grund müssen sie sich nur um ihre kleinen Alltagssorgen kümmern."

In der türkischen Regierung gibt es Männer, die Europa schon abgeschrieben haben und das auch regelmäßig mitteilen, wie Yigit Bulut, der Erdogan-Berater im Premiersamt, der eine Kolumne in einer Zeitung füllt und jüngst in den Vorstand von Türk Telekom berufen wurde. "Wir haben keinen Weg mit Europa", schreibt Bulut etwa; China, Russland und Amerika sind die Mächte, mit denen die aufsteigende Türkei zu tun habe. Europa? Eine Chimäre.

Den konservativ-islamischen Regierungsapparat in Ankara und die türkischen Linksintellektuellen trennt dabei nicht viel, wenn es um Kritik am Alten Kontinent geht. Was ist Europa? "Kultur und Imperialismus, Menschenrechte und Barbarei", antwortet Turgut Güngören, ein junger Psychiater. Die EU sei sehr erfolgreich gewesen bei der Zusammenbindung der Kapitalisten und bei der Teilung der Arbeiterschaft. "Das Kapital kann sich in Europa frei bewegen, die Arbeitnehmer nicht wirklich", sagt Güngören mit Blick auf die britische Politik gegen Bulgaren und Rumänen.

"Die EU ist ein Sicherheitsklub. Sie hat Mauern um sich gebaut, um Flüchtlinge abzuhalten. Aber gleichzeitig ist sie nur ein Ideal, ein undefiniertes, durchlässiges Ding. Wo hört Europa auf, wo fängt es an? Amerika hingegen ist definiert."

Das ist die alte Frage. Nur wenige Türken sagen uneingeschränkt Ja, wenn sie entscheiden sollen, ob ihr Land zu Europa gehört. Hinter Bosporus- und Basar-Glitter, der dem Istanbulbesucher präsentiert wird, verbirgt sich eine aus allen Landesteilen zusammengewürfelte anatolische Großstadt - das Produkt eines seit Jahren dauernden Zuzugs, ein Provinzgeist, aufgeblasen auf 14 Millionen. Manche Stadtteile in Istanbul mögen zu Europa gehören, meint Aytekin, der Wall Street Journal -Reporter; dazu Edirne im geografisch europäischen Teil der Türkei, und Izmir, die Hafenstadt, die dem Westen zugewandt ist.

"Versnobt" und herablassend fand sie die Europäer, als sie in den 1990er-Jahren in der EU studierte, erzählt Ayca, eine Unidozentin, die ihren Nachnamen aus Vorsicht nicht angibt. "Ich dachte, wir haben keinen Platz in Europa. Wir müssen unseren eigenen Weg finden." Der autoritäre Kurs der Regierung, der Druck auf Justiz, Medien, Hochschulen haben ihre Ansicht geändert, sagt sie. "Heute ist die EU die einzige Kraft, die uns aus diesem Schlamassel herausholen kann." (Markus Bernath aus Istanbul, DER STANDARD, 24.5.2014)

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