"Europa ist eine Angelegenheit der Menschen"

Interview23. Mai 2014, 18:30
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Der aus Würzburg stammende Historiker Wolfgang Schmale unternimmt ausgedehnte kulturhistorische Wanderungen, die er in seinen Publikationen dokumentiert

STANDARD: Für Ihr Buch "Mein Europa" haben Sie Europäisches an Plätzen beschrieben, die man normalerweise nicht mit Europa verbindet. Sind Sie schon irgendwo hingekommen, wo Sie nichts Europäisches entdeckt haben?

Schmale: Das ist tatsächlich schwer. Ich war allerdings im Vorjahr im Himalaya bergsteigen - in Ladakh habe ich so gut wie nichts Europäisches vorgefunden. Bis auf eine Herrnhuter-Gemeinde in Leh, die aber visuell sehr wenig in Erscheinung tritt.

STANDARD: Was macht das Europäische aus, das man als aufmerksamer Reisender außerhalb Europas entdecken kann?

Schmale: Manchmal sind es nur kleine Spuren - etwa in Zentralasien. In anderen Ländern, die von Europäern kolonisiert worden sind, ist es deutlich mehr - in Südamerika der Baustil.

STANDARD: Das ist eine von Europa ausgehende Wirkung. Sie finden aber auch Wurzeln des Europäischen etwa in Asien, wo ja der Mythologie nach Europa herkommt.

Schmale: Was wir gängig als "Zivilisation" bezeichnen, kommt ja aus dem Osten. Man muss sich aber auch über die Kelten Gedanken machen, die einen Großteil Europas besiedelt haben. Das ist zwar keine Schriftkultur, aber sie haben den Raum über viele Jahrhunderte bestimmt und durch den Austausch mit den Römern ganz sicher zu unserer Kultur beigetragen. Das ist halt nicht so gut dokumentiert wie die Wurzeln im Nahen Osten.

STANDARD: Bleiben wir bei den Kelten: Was wirkt denn von den Kelten bis heute nach?

Schmale: Durch die antike römische Zivilisation ist verdeckt, dass die Kelten sehr gute Techniken gehabt haben - auch was die Waffen- und Kriegstechnik betrifft, die die Römer nachgemacht haben. Auch die Namensgebung, die einem Ort Identität gibt, ist oft keltisch.

STANDARD: Wobei es Leute gibt, die ihre keltischen Wurzeln dadurch dokumentieren, dass sie Guinness trinken.

Schmale: (lacht) Ja genau, das kann man ja kultivieren. Es gibt eben Regionen wie Irland, die nicht so stark von anderen Zivilisationen überlagert waren.

STANDARD: Was ist das gemeinsame Europäische?

Schmale: Das ist die schwierigste Frage. Gleichwohl kann man von einer gemeinsamen Geschichte sprechen, die eine Geschichte der Christianisierung ist. Was natürlich nicht heißt, dass alle Europäer heute Christen sein müssen. Aber durch die Christianisierung sind gewisse Strukturen entstanden - die Verbindung von Herrschaft und Religion gehört ebenso dazu wie die Denkfigur der Einheit, die aus der Kirche, vor allem der katholischen Kirche, kommt. Durch die jüngere Geschichte sind es gemeinsame Werte, etwa Demokratie. Die wurde über zwei, drei Jahrhunderte erkämpft, sie hat sich erst nach 1989 in unserem heutigen Europa durchgesetzt.

STANDARD: Typisch europäisch ist nicht nur die Verbindung, sondern wohl auch die Trennung von Herrschaft und Religion - die jahrhundertelange Spannung zwischen Kaiser und Papst.

Schmale: Dass eine durch und durch strukturierte weltliche Macht auf eine durch und durch strukturierte religiöse Macht trifft, hat sich anderswo nicht so entwickelt. Papst und Kaiser sind Monarchen, und sie kämpfen immer auch um das Materielle.

STANDARD: Europa hat sich stets gegen Invasionen wehren müssen - hat es daraus besondere Fähigkeiten entwickelt?

Schmale: Europa ist eine bunte Mischung, das kann man nicht oft genug sagen. Die römische Kultur hat die besondere Fähigkeit entwickelt, andere Kulturen aufzunehmen und zu transformieren - und wir haben ein bisschen etwas von dieser Fähigkeit geerbt. Das funktioniert im Grunde immer noch, auch wenn es starke Widerstände beispielsweise gegen den Islam gibt. Aber wenn wir heute in ganz Europa islamische Gemeinden haben, von denen die meisten integriert sind, dann wäre das ein Zeichen, dass das historische "Andere", das der Islam lange gewesen ist, in Europa angeeignet werden kann.

STANDARD: Wenn man mit Türken spricht, dann verweisen viele von ihnen darauf, dass das Osmanische Reich ein Faktor europäischer Geschichte war. In Ihrem Buch geben Sie Jerusalem viel Platz, Istanbul/Konstantinopel aber nicht.

Schmale: Die Christianisierung, der Faden, an dem ich mich entlangarbeite, ist in der Türkei mit der Phase des Osmanischen Reichs passé. Kappadokien als christliche Region spielt kaum eine Rolle. Das ändert nichts daran, dass das Osmanische Reich und auch die Türkei immer stark an Europa orientiert waren - als Partner und Gegner in einem historischen Spiel, aber nicht als europäisches Land. Gleichwohl glaube ich, dass die Türkei sehr viel mehr zu Europa gehört als zu irgendeiner anderen Gegend.

STANDARD: Zur EU gehört sie nicht, aber Europa ist mehr als die EU?

Schmale: Das zeigen allein die Zahlen: Die EU hat 28 Mitglieder, der Europarat, dem unter anderem auch Russland angehört, hat 47. Und: Europa ist auch eine Angelegenheit der Menschen, nicht nur der Institutionen. Europa ist mehr als die sechs Gründungsländer, die sich mit Europa gleichgesetzt haben, weil sie sich auf das karolingische Reich bezogen haben. Diese Gleichsetzung ist falsch. Das Europa Karls des Großen ist ein ziemlich kleines - da war der Norden noch legendenhaft besetzt, man wusste wenig, denn reisende Ritter und Kleriker haben das Wissen erst im 13. Jahrhundert gebracht und verbreitet.

STANDARD: Sie betreiben auch Männlichkeitsforschung: Gibt es einen europäischen Mann?

Schmale: "Den" europäischen Mann gibt es nicht - nicht mehr. Conchita Wurst zeigt, dass es bis Aserbaidschan ein facettenreicheres Männlichkeitsbild gibt. (Conrad Seidl, DER STANDARD, 24. 5. 2014)

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Wolfgang Schmale (58) lehrt seit 1999 Geschichte an der Uni Wien.
    foto: andy urban

    Wolfgang Schmale (58) lehrt seit 1999 Geschichte an der Uni Wien.

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