Europäer zu sein ist schwer

23. Mai 2014, 18:27
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Europäer? Das ist man doch nur auf USA-Reise

Einmal in meinem Leben wurde ich als Paradeeuropäer vorgeführt. Am Europatag. Und habe total versagt.

Das war 1999. Meine kleine Familie war im Frühstücksfernsehen der ARD eingeladen: Lebensgefährtin Französin, Tochter kaum zwei Jahre alt, in Paris geboren, ich Österreicher und Europakorrespondent in Brüssel. Europäischer geht es kaum, mögen sich die TV-Macher gedacht haben. Und nun direkt zugeschaltet in die deutschen Wohnzimmer von einem Kaffeehaustisch auf der berühmten Grand-Place vor dem Brüsseler Rathaus. Die Moderatorin stellt uns also vor. Und stellt mir gleich die Killerfrage: "Fühlen Sie sich als Europäer?" - "Äh, nein", hörte ich mich sagen, "so einfach ist das nicht. Bin Österreicher, in Tirol aufgewachsen, habe viel mit Europa zu tun. Aber Europäer?" Das ist man doch nur auf USA-Reise.

Man kommt ja nicht als Europäer auf die Welt. Das wird man vielleicht mit der Zeit. Es gibt keinen europäischen Pass. So ging das dahin. Die Moderatorin war irritiert. Wir nicht. Unlängst schickte mir die Tochter eine SMS: "Schlechte Nachrichten, mein Land will mich nicht, weil ich ein Bastard bin."

Sie hatte rausgefunden, dass Österreich ihr als ledig geborenem Kind die Doppelstaatsbürgerschaft verweigert, wenn sie erwachsen ist. Frankreich ist da anders. (Thomas Mayer, DER STANDARD, 24./25.5.2014)

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