Dachgrenzen und Schmerzgrenzen

26. Mai 2014, 12:05
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Mietwohnungen bis 800 Euro gehen in Wien derzeit weg wie die sprichwörtlichen warmen Semmeln, in den Preisklassen darüber klagen Makler über wenige Interessenten

Rund 80.000 Menschen ziehen jedes Jahr nach Wien. Etwa 60.000 verlassen jedes Jahr die Bundeshauptstadt zwar wieder, aber ein Viertel davon bleibt "netto" hier. Und diese tausenden Neuankömmlinge - darunter sehr viele aus den Bundesländern, etwa Studentinnen und Studenten - suchen als Erstes nach einer Mietwohnung, kaum nach Eigentum.

Und das bedeutet wiederum, dass die Stadt jedes Jahr neue Mietwohnungen für bis zu 10.000 Haushalte benötigt - gebaut werden derzeit aber nur etwa 6000.

Ausweichbewegungen

Für die Immobilienwirtschaft ist eines klar: Nur vermehrter Neubau kann die steigenden Preise im Zaum halten. Und weil die allergrößte Nachfrage nach möglichst günstigen Wohnungen besteht, sind es Monatsmieten bis 800 Euro brutto, die gesucht werden. Diese "Schmerzgrenze" nannte Michael Pisecky, Obmann der Fachgruppe der Immobilientreuhänder in der Wiener Wirtschaftskammer, kürzlich anlässlich der Präsentation des aktuellen Immobilienpreisspiegels. An Wohnungen, die darüber liegen, nimmt das Interesse rapid ab.

Pisecky wusste auch von "Ausweichbewegungen" zu berichten, die man mittlerweile in manchen Bezirken beobachten könne. An der schon sehr hochpreisigen Josefstadt etwa sei das Interesse Wohnungssuchender zurückgegangen, zugunsten von Bezirken wie etwa dem 5. (Margareten) oder dem 12. (Meidling). Gebrauchte Eigentumswohnungen sind aber immer noch überall stark gesucht, demnächst dürften auch wieder etwas mehr auf den Markt kommen, erwarten die Experten.

Viele wollen zwei Zimmer

Weil auch die Zahl der Wiener Singlehaushalte weiterhin zunimmt, sind in Neubauprojekten wie dem "Citygate" in Floridsdorf die Zwei-Zimmer-Wohnungen am stärksten nachgefragt - sowohl im Miet- als auch im Eigentumssegment. In Letzterem spielen neben den Selbstnutzern auch Anleger eine Rolle, auch wenn der "Run" auf Vorsorgewohnungen nicht mehr so stark ist wie vor zwei oder drei Jahren.

Das alles führt aber dazu, dass die Marktsituation am anderen Ende der Mietpreisskala für Suchende durchaus komfortabel ist. Das Interesse an Dachgeschoßwohnungen mit einer monatlichen Bruttomiete von 1000 Euro oder mehr hält sich in Grenzen, als Mieter kommt man mitunter sogar in die Situation, über den Preis verhandeln zu können. Marktbeobachter munkeln, dass es möglicherweise schon zu viele Dachgeschoßausbauten gebe - zumindest derzeit. Fehlende Kurzzeitmieter in diesem Segment, weil kaum noch Headquarters internationaler Betriebe nach Wien siedeln, spielen hier auch eine Rolle.

Dachschrägen als Ärgernis

Makler sehen in neu ausgebauten Dachgeschoßen aber auch das Problem, dass die oft sehr tiefen Dachschrägen nicht unbedingt jedermanns Sache sind. "Bauträger sollten nicht jeden Quadratmeter herausquetschen wollen", rät deshalb EHL-Wohnimmobilienexpertin Sandra Bauernfeind. Für die Qualität sei es manchmal besser, auf den einen oder anderen Quadratmeter zu verzichten. Generell seien Dachgeschoßwohnungen oft von den Grundrissen her zu "großzügig", bei gleichzeitig zu wenigen Zimmern als möglich, weil es sich oft nicht anders ausgeht. Gute Planung ist hier - wie meist - das Um und Auf. (Martin Putschögl, DER STANDARD, 24.5.2014)

  • Wien wächst derzeit sehr schnell. Dachgeschossausbauten halten viele für die vernünftigste Alternative. Das Objekt in der Bildmitte wird von EHL vermarktet und befindet sich im Arsenal.
    fotos: ehl immobilien, putschögl

    Wien wächst derzeit sehr schnell. Dachgeschossausbauten halten viele für die vernünftigste Alternative. Das Objekt in der Bildmitte wird von EHL vermarktet und befindet sich im Arsenal.

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