Wo Busse für die EU werben und die Bosse auf Europa setzen

23. Mai 2014, 18:13
7 Postings

Die chinesische Regierung setzt ihre Politik neu auf

Der Pekinger Straßenverkehr produziert Endlosstaus. Doch er ist auch eine langsam fahrende Werbebühne für Europa. So sieht es der Europa- und Deutschlandexperte Liu Liqun, Professor an der Fremdsprachenuniversität (BFSU). An jedem Omnibus klebe ein Schild, das besagt, dass dieser die Abgaswerte der Euronorm einhält. "Viele sehen das chinesische Zeichen für Euronorm und fragen, was es bedeutet." Gerade in den smoggeplagten Metropolen punktet Europa auf diese Weise, weil seine Umweltschutzmaßnahmen "den Weg zu uns gefunden haben." Das verschaffe Brüssel einen unschätzbaren Imagevorsprung.

Mit Europa assoziieren Chinesen "viele positive Begriffe". Liu nennt Technologie, Wissenschaften, Erfindungen, touristische Highlights bis zur Zivilisationsgeschichte. "Schauen Sie, wie viele Sachbücher und Romane darüber bei uns erscheinen." Wenige wüssten zudem, dass nicht die USA, sondern Europa seit zehn Jahren Chinas Handelspartner Nummer eins ist. 2013 stieg der beiderseitige Außenhandel auf 428 Milliarden Euro, im Schnitt mehr als eine Milliarde Euro, die täglich umgesetzt wird. Auch bei der Technologieeinfuhr steht Europa mit weitem Abstand ganz vorn.

Wer kurz vor den EU-Wahlen aber nur schaue, wie gering das öffentliche Interesse in China daran ist, erhalte ein völlig falsches Bild. Abschätzige Kommentare auch von chinesischer Warte über Europas politische Bedeutungslosigkeit und Zaungastrolle im weltweiten Konzert international ausgeübter Macht hatten noch vergangenen Dezember dieses schiefe Bild genährt. "Wie wichtig ist Europa?", fragte das einflussreiche nationalistische Pekinger Parteiblatt Global Times und schimpfte über Europas Kritiker, die sich erdreistet hätten, Chinas Umgang mit Menschenrechten oder dessen Minderheitenpolitik zu rügen.

Anlass bot der Pekinger Besuch von Premierminister David Cameron, der Chinas Führer durch seinen Empfang des Dalai Lama verärgert hatte. Als er sich wieder anbiedern wollte, kanzelte ihn die Zeitung ab: Großbritannien sei wie die anderen EU-Staaten, "nur ein altes europäisches Land, gerade gut genug, um es touristisch zu bereisen und dort zu studieren".

Fußgängerzonenkontinent

Doch seither hat sich Pekings Sicht auf Europa positiv verändert. Global Times schrieb kleinlaut: Es sei "dumm", Europa als Bund von Kleinstaaten zu betrachten, die selbst noch nicht wüssten, "dass sie ihre Wettbewerbsfähigkeit für die Zukunft verloren haben". Das stimme ebenso wenig, wie Europa als "Ansammlung von Fußgängerzonen und Cafés zum Einkaufen und Promenieren" zu sehen. Sich enger an Europa anzulehnen sei daher eine "kluge Wahl für China."

Zum Meinungsumschwung führte nicht nur die Erkenntnis, dass sich der Kontinent von der Euroschuldenkrise erholt hat. Den Ausschlag gab die Europareise von Staatspräsident Xi Jinping Ende März. Peking reagierte mit seiner erneuten Hinwendung zu Europa auch auf die erneute Orientierung der USA nach Asien.

Peking setze wieder auf Europa, sagt Professor Wang Yiwei, Vizedirektor des Zentrums für EU-Studien, zum Standard. Europa sei, weil es ohne fundamentale Interessenkonflikte "mehr Übereinstimmung als Differenzen" gebe, ein globaler Partner auch für weltweite Sicherheitskooperationen. "Nach der EU-Wahl, wenn sich die neuen politischen Führungsstrukturen konsolidiert haben, wird China einen weiteren Anlauf in seiner Europapolitik nehmen." (Johnny Erling aus Peking, DER STANDARD, 24.5.2014)

Share if you care.