Die täuschend echte Erinnerung

23. Mai 2014, 18:08
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Das Big Business im europäischen Fußball gab es schon vor der Champions League

Die Champions League (CL) war eine Notwehrmaßnahme. So wie der Euro die Spielstärke der wiedervereinten D-Mark aufs Gesamteuropäische dämpfen sollte, so wollte die Uefa 1992 mit der CL dem schon sehr spruchreifen Projekt einer eigenen europäischen Großvereinsliga das Wasser des TV-Geldes abgraben.

Den Großen - von Real über ManUtd bis zu den Bayern - sollte es recht sein. So kamen sie billig zu fernsehtauglichem Kanonenfutter, die starken Ligen garantierten einander üppig Startplätze. Und weil der Europäische Gerichtshof 1995 mit dem sogenannten Bosman-Urteil dem Zusammenkaufen von Spielermaterial zum Nutzen der Klubs und zum Frommen der Fernsehstationen Tür und Tor öffnete, wurde aus der Notwehrmaßnahme der Uefa erst recht jenes Projekt, gegen das es ins Leben gerufen wurde: Wo Geld ist, soll Geld hinfließen.

Altgediente, nahe am Wasser gebaute Kampln - jene sind das, die für den Kevin Kampl seinen Coiffeur die Wiedereinführung von Leib- oder jedenfalls Schandstrafen fordern - wurden schon Mitte der 1990er sentimental; pfiffen sich gedankenverloren den Hit von Cindy & Bert von 1973 mit leicht verändertem Text: "Immer wieder mittwochs kommt die Erinnerung."

Denn klarerweise zerquetschte das Rad der Zeit auch das Heiligste, den Feiertag. Europäischen Fußball gab es nun nicht mehr nur am Mittwoch. Sondern am Dienstagmittwochdonnerstag. Die kalte Logik des Kapitals besiegte die warme Herzensbindung ballesterischen Wohlfühlens.

Dummerweise stimmt daran nun das Retrospektivfeeling. Tatsächlich war der Fußball, seit er die Schulhöfe verlassen hat, immer in erster Linie Business. Was nicht nur, aber eben zum Beispiel auch der so vermisste Meistercup zeigte, der CL-Vorläufer. Mitnichten stand da der eben erst gegründete Verband, die Uefa, dahinter. Ins Leben gerufen wurde er von der Zeitschrift L'Equipe. Und die lud 1955 zum ersten Cup der Landesmeister ein, wen sie für einen Goldesel hielt. Also etwa Österreichs Dritten, Rapid. Und nicht Meister Vienna. Apropos sentimental: Meister Vienna! (Wolfgang Weisgram, DER STANDARD, 24.5.2014)

  • Der begehrteste Pokal im Klubfußball wird am Samstag in Lissabon vergeben.

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