80 Prozent sagen: Politiker reden sich viel zu oft auf EU aus 

23. Mai 2014, 17:46
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Die EU bekommt in der jüngsten Umfrage bessere Noten - die Politiker schlechtere. Politische Ideale werden dagegen von den Österreichern als wichtiger für Europas Kultur erachtet als die klassische Kunst

Was die europäische Kultur ausmacht? Nein, es sind nicht die Opern und schon gar nicht die Werke der großen Maler. In den Augen der Österreicher sind die Menschenrechte das konstituierende Element der europäischen Kultur.

Das geht aus einer Market-Umfrage für den Standard hervor. In zwei Umfragewellen wurde Mitte Mai erhoben, was die Österreicher von der EU halten - und was den weiter gefassten Begriff Europas ausmacht. Dazu wurde die Frage gestellt: "Ich möchte mich heute mit Ihnen kurz über Europa und die europäische Kultur unterhalten. Ich lese Ihnen nun ein paar kulturelle Einflüsse und Erfahrungen vor und würde Sie bitten, mir jeweils zu sagen, ob das für die Entwicklung der europäischen Kultur bedeutsam war oder ob das für die europäische Kultur eher weniger bedeutsam war."

Und so sieht die Reihung aus:

  • "Die Freiheit der Menschen, die Menschenrechte" - sie erscheinen 79 Prozent als bedeutsam, besonders den höher Gebildeten; aber auch in der bildungsfernen Schicht sagt nur jeder Dritte, dass die Freiheit der Menschen weniger bedeutend für die europäische Kultur wäre.
  • Die allen zugängliche Bildung, ein wesentlicher Unterschied zur amerikanischen Kultur, rangiert mit 76 Prozent gleich dahinter.
  • Das Wahlrecht für alle Europäer wirkt ebenfalls für 76 Prozent als identitätsstiftend.
  • Wissenschaft und Forschung halten 75 Prozent für wichtig für Europas Kultur, ebenso viele das hoch entwickelte Gesundheitswesen.
  • In engem Zusammenhang damit - und als scharfer Gegensatz zu allen anderen Gesellschaftssystemen - rangiert die soziale Sicherheit mit 72 Prozent ebenfalls in den Top-Rängen.
  • 70 Prozent nennen wirtschaftlichen Erfolg durch Industrie und Handel kulturstiftend.
  • Es folgen der Rechtsstaat, und die Gleichstellung von Männern und Frauen mit jeweils 66 Prozent. Hier sagt aber bereits ein gutes ein Viertel der Befragten, dass das weniger bedeutsam für die europäische Kultur ist. Besonders auf dem Land und bei wenig Gebildeten herrschen da Zweifel. In einer anderen Fragestellung (und in einer anderen, separat befragten Stichprobe) sagen nur 43 Prozent, dass die EU die Gleichberechtigung aller Männer und Frauen in allen Mitgliedsländern garantiere (dies ist in der Grafik dokumentiert)
  • Die politische Zusammenarbeit früher verfeindeter Staaten, die stets als großer Vorteil der EU dargestellt wird, sehen nur 62 Prozent als wichtigen kulturellen Beitrag, das ist etwa dasselbe Niveau, auf dem europäische Architektur und Handwerkstradition genannt werden. Auffallend ist, dass das Handwerk von älteren Befragten mehr geschätzt wird als von jüngeren, von denen es viele explizit als weniger bedeutend sehen.
  • Dass allen Menschen Chancen geboten werden (was auch im Zentrum der nationalen Erzählung der USA steht), sehen nur 60 Prozent als europäisch an, Junge deutlich mehr als Ältere.
  • Die Vielfalt der Sprachen nennen 59 Prozent, wieder deutlich mehr Junge als Ältere.
  • Literatur, die Bücher, die hier geschrieben wurden, werden ebenfalls von 59 Prozent genannt - und zwar in ähnlichem Maß in allen Bildungs- und Altersschichten. Aber: 30 Prozent halten nichts von Literatur in Europa.
  • 58 Prozent nennen die Überwindung von Faschismus und Sowjetsystem. Besonders deutlich sehen das Männer und höher Gebildete.
  • Die Vielfalt lokaltypischer Speisen und Getränke loben 56 Prozent.
  • Die jahrhundertelange Erfahrung von Kriegen hat nach Ansicht von 52 Prozent die europäische Kultur geprägt - 33 Prozent lehnen diese Sichtweise ab.
  • Den Respekt für und den Schutz von Minderheiten sehen 51 Prozent als Teil der europäischen Kultur - 38 Prozent ausdrücklich weniger. Hier sind ältere Befragte auffallend sensibler als die jüngeren.
  • Das Erbe von Reformation und Aufklärung und die Erinnerung an den Holocaust nennen jeweils 50 Prozent - das Holocaust-Gedenken ist vor allem den höher Gebildeten ein Anliegen.
  • Der Sinn der Menschen für das, was schön ist, gehört nur für 49 Prozent zur europäischen Kultur.
  • Der Versuch, zwischen Arm und Reich auszugleichen, wird nur von 47 Prozent als kulturelle Errungenschaft gesehen, von 40 Prozent allerdings wird dies für wenig bedeutend gehalten. Überdurchschnittlich stark wird der Aspekt des Ausgleichs von wenig Gebildeten, von ÖVP- und Grünen-Anhängern betont.
  • Ganz kontroversiell wird die Offenheit für fremde Einflüsse gesehen: 45 Prozent sehen sie als wichtig für die europäische Kultur, 43 Prozent gehen dazu auf Distanz.
  • Weit hinten liegen die klassischen kulturellen Errungenschaften: Klassische Musik wird von 45 Prozent geschätzt, aber von ebenso vielen (besonders Männern, Pflichtschulabsolventen, Wählern von SPÖ und FPÖ) abgelehnt. Den Gemälden großer Meister geht es noch schlechter, für sie steht es 38 zu 49 - jeder Zweite hält sie also für wenig wichtig wie für europäische Kultur. Ähnlich die antike Philosophie (41 zu 44) und die christliche Religion (41 zu 46).
  • An die letzte Stelle reihten die Befragten die Rolle des europäischen Parlaments für die europäische Kultur: 33 Prozent gaben eine positive, 51 eine negative Beurteilung ab.

In der anderen Fragestellung - dokumentiert in der Grafik - ging es um Europa und die EU. Da zeigt sich, dass die Politiker besonders schlecht bewertet werden, weil sie sich auf die EU ausreden. Aber immerhin 50 Prozent geben an, dass EU-Europa ein Gegengewicht zu den Großmächten USA und Russland darstellt. (Conrad Seidl, DER STANDARD, 24.5.2014)

  • Die Österreicher und ihr Verhältnis zur EU

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