Musikverein: Schwebende Postkarten

23. Mai 2014, 17:24
1 Posting

Gastspiel des Orchestre Philharmonique Royal de Liège am Donnerstag in Wien

Wien - Die knallroten T-Shirts der Platzanweiser im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins bilden immer einen besonders deutlichen Kontrapunkt zum repräsentativen Gepränge des Kulturtempels: Die Veranstaltungen der Jeunesse wollen ein wenig anders sein, Frischluft in den Betrieb bringen - und dennoch Klassik unters Volk.

Das gemischte Publikum gibt dem Anliegen recht. Die Stimmung ist deutlich lebendiger als bei sozial homogeneren Anlässen. Und die Konzerte selbst wirken in der Regel tatsächlich nicht so gesetzt wie der übliche philharmonische Alltag - auch dank Programmen, die die ausgetretensten Pfade vermeiden. Das Gastspiel des Orchestre Philharmonique Royal de Liège am Donnerstag war dafür ein glückliches Beispiel - und eine schlüssige kulturelle Botschaft aus dem belgisch-französischen Raum, beginnend mit einem Komponisten, der in Lüttich (Liège) geboren wurde.

Die Harmonie du soir von Eugène Ysaÿe möge zwar bewusst die Nähe zu Postkartenbildern suchen, doch bietet sie nicht nur mit dem Wechsel zwischen solistischem Streichquartett (Quatuor Ardente) und Streichorchester mehr als eine oberflächliche Stimmungsstudie, sondern auch mit erweiterten Harmonien und leuchtenden Dissonanzen. Zumindest dann, wenn sie so in der Schwebe gehalten wird, wie dies Dirigent Christian Arming gelang.

Auch die Orchesterlieder Les nuits d'été von Hector Berlioz mit der sonoren Mezzosopranistin Ruxandra Donose gelangen ähnlich balanciert. Und bei der d-Moll-Symphonie von César Franck gab es zwar Grenzen der Präzision, etwa bei Bläsereinsätzen, aber auch hier demonstrierte das Orchester seine Qualitäten: einen wattigen, subtil nuancierten Sound, weiche Linien und eine indirekte Art von Dynamik, die nicht minder intensiv ist als jenes Schmettern, das man anderswo so hören kann.

Arming sorgte auch hier für einen Ausgleich zwischen Farbe und Struktur, ließ die Themen allmählich Gestalt annehmen und setzte Steigerungen behutsam und zurückhaltend. Dankbare Zustimmung. (Daniel Ender, DER STANDARD, 24.5.2014)

Share if you care.