EU-finanzierte Elemente einer Weinstadt Kleinstadt

24. Mai 2014, 12:54
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Wohin fließen EU-Fördermittel? In Retz im Weinviertel stecken sie in der Fassade des alten Rathauses, im Garten vor der Volksschule sowie in der Kellergasse. Ein Lokalaugenschein.

Retz/Wien - Am Retzer Hauptplatz reihen sich zuckerlfarbene Fassaden wie Perlen aneinander. Es wirkt, als würden sie um die Aufmerksamkeit der Besucher der niederösterreichischen Weinstadt buhlen. Der stärkste Magnet für Blicke ist aber unumstritten, thront das alte Rathaus samt Turm doch genau im Zentrum.

Dass die Rathauswände so gelb leuchten und das grüne Dach so glänzt, verdanken sie einer Rundumrenovierung von 2012 und 2013. Die Gesamtkosten von rund einer Million Euro stemmte nicht allein die Gemeinde, unter anderem schossen Land und EU Geld zu. 50.000 Euro hat sich die Retzer Dorf- und Stadterneuerung mit Brüssel ausverhandelt. Allerdings: Allein das Einrüsten des Bauwerks soll eine höhere Summe verschlungen haben.

Stadtwall und Windmühle

Zur Renovierung des Retzer Stadtwalls hat die EU ebenfalls einen Teil beigetragen, und auch in der nach 85 Jahren zu neuem Leben erweckten Retzer Windmühle, dem Wahrzeichen der 4100-Einwohner-Stadt, stecken Brüsseler Euro (rund 17.000). Außerdem ist ein Bewegungs- und Lerngarten vor der Volksschule mit EU-Förderzuschüssen errichtet worden.

Die Gelder für all diese Projekte flossen allein in der vergangenen Förderperiode, also in den Jahren 2007 bis 2013. Es handelt sich um Mittel aus der Regionalentwicklung sowie aus dem sogenannten Leader-Topf, der für innovative Aktionen im ländlichen Raum gedacht ist.

Insgesamt wurden allein in Retz bei Leader-Projekten in der letzten Förderperiode 6,6 Millionen Euro investiert, mehr als ein Viertel davon kam in Form von EU-Mitteln zurück. Das jährliche Budget der Stadt umfasst im Übrigen rund 8,5 Millionen Euro.

Touristische Werbung

Die EU-Mittel flossen nicht nur in Bauprojekte, sondern auch in touristische Werbebroschüren für Retz, in die Revitalisierung und Bewerbung der Weinstraße, in die Beratung von Jungunternehmern, die in der Region bleiben, oder in die Modernisierung von landwirtschaftlichen Betrieben - beispielsweise investierten zwei Landwirte in erneuerbare Energie.

Damit eine Chance auf EU-Förderungen besteht, müssen in der Regel Eigenmittel aufgewendet werden. Meist muss auch eine zweite Institution mitfördern, wie etwa das Land oder ein Ministerium.

Nur manche EU-Töpfe werden auf Gemeindeebene angezapft, andere wiederum über Landes- oder Bundesstellen, von Betrieben oder Privaten. Neben Regionalförderungen und den Euro für den ländlichen Raum fließen Gelder für Kleinprojekte ebenso wie Agrarförderungen (von denen Niederösterreich besonders viele abzapft) oder Mittel für die Europäische Territoriale Zusammenarbeit (ETZ).

Lohn aus Brüssel

Mit Geld aus letztgenanntem Topf kennt sich in Retz neben Amtsleiter Andreas Sedlmayr vor allem ein junger Gemeindemitarbeiter gut aus: Daniel Wöhrer arbeitet seit kurzem für die Stadt, davor war er rund viereinhalb Jahre EU-Projektekoordinator. Als solcher stand sein Schreibtisch zwar im Gemeindeamt, seinen Lohn bezahlte aber die EU.

In dieser Zeit wickelte Wöhrer zwei Programme ab: eines zur interkommunalen Zusammenarbeit zwischen Hollabrunn, Retz und dem tschechischen Znaim. Und ein weiteres zur Entwicklung der Kleinst- und Mittelbetriebe im grenznahen Raum.

Das erstgenannte Projekt, für das die EU rund 100.000 Euro zur Verfügung stellte, sei besonders gut gelaufen, meint Wöhrer. Die Abrechnung der Projekte, ergänzt Sedlmayr, sei aber immer "sehr schwierig" und langwierig.

So erstrahlt zwar das Retzer Rathaus längst in neuem Glanz. Die Abrechnung mit der Union wegen der 50.000 Euro Zuschuss ist aber noch im Laufen. (Gudrun Springer, DER STANDARD, 24.5.2014)

  • Im Zentrum des Retzer Hauptplatzes steht das alte Rathaus. Für seine Renovierung 2012/13 steuerte die EU 50.000 Euro bei.
    foto: springer

    Im Zentrum des Retzer Hauptplatzes steht das alte Rathaus. Für seine Renovierung 2012/13 steuerte die EU 50.000 Euro bei.

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