Mit Ungleichheitsversicherung drohender Katastrophe vorbeugen

Kolumne23. Mai 2014, 16:38
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Lösungen sind nicht Thomas Pikettys starke Seite

Thomas Pikettys beeindruckendes, viel diskutiertes Buch Capital in the Twenty-First Century hat beträchtliche Aufmerksamkeit auf das Problem der wachsenden wirtschaftlichen Ungleichheit gelenkt. Aber Lösungen sind nicht seine starke Seite. Wie Piketty selbst zugibt, würde sein Vorschlag - eine progressive globale Steuer auf Kapital (oder Vermögen) - "ein sehr hohes und ohne Zweifel unrealistisches Maß an internationaler Zusammenarbeit erfordern".

Wir sollten uns nicht auf schnelle Lösungen konzentrieren. Die wirklich wichtige Aufgabe für die politischen Entscheidungsträger überall auf der Welt besteht darin, Katastrophen zu verhindern - also jene Extremereignisse, die wirklich zählen. Und da die Ungleichheit zu langsamer Veränderung neigt, liegt eine eventuelle Katastrophe dieser Art vermutlich Jahrzehnte in der Zukunft.

Diese Katastrophe - eine Rückkehr zu einem Grad an Ungleichheit, wie wir ihn seit Ende des 19. bis Anfang des 20. Jahrhunderts nicht erlebt haben - wird in Pikettys Buch umfassend beschrieben. In diesem Szenario wird eine winzige Minderheit enorm reich - und dies überwiegend nicht, weil ihre Mitglieder intelligenter sind oder härter arbeiten als alle anderen, sondern weil grundlegende wirtschaftliche Kräfte in unberechenbarer Weise eine Einkommensumverteilung bewirken.

In meinem Buch Die neue Finanzordnung habe ich eine "Ungleichheitsversicherung" als mögliche Methode zur Katastrophenvermeidung vorgeschlagen. Trotz der Ähnlichkeiten im Titel unterscheidet sich mein Buch stark von Pikettys. Es tritt offen für innovative wissenschaftliche Finanz- und Versicherungslösungen privater wie öffentlicher Art ein, um die Ungleichheit zu verringern, indem man all die Risiken, die dazu beitragen, auf quantitative Weise steuert. Und ich bin, was meinen Plan zur Verhinderung katastrophaler Ungleichheit angeht, optimistischer, als Piketty das in Bezug auf seinen Plan ist.

Eine Ungleichheitsversicherung würde voraussetzen, dass die Regierungen sehr langfristige Pläne aufstellen, um die Steuern auf Einkommen und Erträge für Großverdiener automatisch anzuheben, falls sich die Ungleichheit deutlich erhöhen sollte, ohne dass sich die Steuern anderweitig ändern. Ich bezeichne dies als Ungleichheitsversicherung, weil es wie jede andere Versicherungspolice auch die Risiken im Voraus anspricht. Genau wie man eine Feuerversicherung abschließen muss, bevor - und nicht nachdem - einem das Haus abbrennt, müssen wir uns mit dem Risiko der Ungleichheit befassen, bevor es sich deutlich verschlimmert und eine mächtige neue Klasse privilegierter Reicher hervorbringt.

Im Jahre 2006 habe ich gemeinsam mit Leonard Burman und Jeffrey Rohaly ein Konzeptpapier verfasst, in dem Varianten eines derartigen Plans analysiert werden. Im Jahr 2011 propagierten Ian Ayres und Aaron Edlin eine ähnliche Idee. Derartigen Plänen liegt die Annahme zugrunde, dass ein gewisses, beträchtliches Maß an Ungleichheit wirtschaftlich gesund ist. Die Aussicht, reich zu werden, treibt ganz klar viele Menschen zu harter Arbeit an. Aber eine massive Ungleichheit ist nicht hinnehmbar.

Natürlich besteht keine Gewähr, dass die Regierungen einen Plan zur Ungleichheitsversicherung tatsächlich umsetzen werden. Doch ist es wahrscheinlicher, dass sie derartige Pläne durchziehen werden, falls diese bereits gesetzlich verankert sind und allmählich entsprechend einer vorab bekannten Formel und nicht plötzlich in Form einer revolutionären Abkehr von der bisherigen Praxis wirksam werden. Um wirklich wirksam zu sein, müssen Erhöhungen bei der Vermögensbesteuerung - die primär hochgradig mobile pensionierte oder anderweitig wohlhabende Menschen treffen - eine globale Komponente beinhalten; andernfalls wandern die Reichen einfach in dasjenige Land aus, das gerade die niedrigsten Steuern hat.

Und die Unbeliebtheit von Vermögenssteuern behindert die globale Kooperation. Finnland hatte eine Vermögenssteuer, aber hat diese aufgegeben. Dasselbe gilt für Dänemark, Deutschland, Österreich, Schweden und Spanien. Eine Erhöhung der Vermögenssteuern zum jetzigen Zeitpunkt wie von Piketty vorgeschlagen würde von vielen als unfair empfunden werden, weil sie zur Verhängung einer rückwirkenden Abgabe auf bereits mit dem Ziel des Vermögenserwerbs durchgeführte Arbeit hinausliefe - also eine Änderung der Spielregeln und des Spielergebnisses im Nachhinein.

Die Sparsamkeit älterer Menschen, die hart dafür gearbeitet haben, im Laufe ihres Lebens Vermögen aufzubauen, würde zugunsten von Menschen besteuert, die nicht einmal versucht haben, zu sparen. Hätte man ihnen gesagt, dass diese Steuer käme, hätten sie vielleicht weniger gespart; vielleicht hätten sie Einkommensteuer bezahlt und konsumiert so wie alle anderen. Zudem könnte es sein, dass die Menschen - wenn ihnen die Realität einer Vermögenssteuer à la Piketty erst einmal klar wäre - mehr Kinder in die Welt setzen würden, weil Vermögen in Form von Kindern nicht durch Steuern aufgezehrt werden kann.

Aus diesem Grund wäre es vermutlich besser, das Einkommen zu besteuern und einen Abzug für philanthropische Zuwendungen außerhalb der Familie beizubehalten. Und wenn tatsächlich Vermögenssteuern eingeführt werden sollten, müsste man die entsprechenden Regeln jetzt verabschieden, aber erst zu einem späteren Zeitpunkt wirksam werden lassen - und nur, falls die Ungleichheit sich deutlich verschlimmert; dies würde die Wahrnehmung verhindern, dass die Regeln nach Spielende geändert wurden.

Der Vorteil einer höheren Besteuerung des Einkommens ist, dass diese nicht bloß auf dem aktuellen Einkommen basieren müsste, sondern auf einem Durchschnitt über die Dauer von Jahren basieren und Abzüge für Investitionen zulassen könnte. Sie hätte so einige Merkmale mit Vermögenssteuern gemein, ohne jedoch diejenigen, die gespart haben, um mehr Vermögen aufzubauen, zu bestrafen. Zudem könnte ein langfristiger Plan, der heute gesetzlich von einem oder mehreren Ländern verabschiedet würde (bevor eine deutliche Auswirkung auf die tatsächlichen Steuerzahlungen eintritt), dazu beitragen, einen internationalen Dialog über die angemessene künftige Politik in Bezug auf die Ungleichheit anzustoßen. Dies würde Raum für eine einheitlichere steuerliche Reaktion verschiedener Länder schaffen und so die Fähigkeit der Superreichen verringern, durch einen Ortswechsel der Besteuerung zu entgehen.

Pikettys Buch leistet einen unschätzbaren Beitrag zu unserem Verständnis der Dynamik der aktuellen Ungleichheit. Er hat ein ernstes Risiko identifiziert, dem unsere Gesellschaft ausgesetzt ist. Die Politik trägt eine Verantwortung dafür, eine funktionierende Methode umzusetzen, um sich dagegen abzusichern. (ROBERT J. SHILLER, DER STANDARD, 24.5.2014)

Robert J. Shiller ist Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Yale University. Übersetzung: Jan Doolan © Project Syndicate, 2014

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