Ein Gesicht spanischer Perspektivenlosigkeit

23. Mai 2014, 15:37
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Viele junge Spanier verlassen ihr Land in der Hoffnung auf Jobs. Paco entschied sich für Österreich und landete in Tirol

Paco sitzt in einem kleinen verrauchten Lokal. Die Luft ist stickig und feucht. Von innen sind die Scheiben milchig beschlagen, von außen prasseln große Regentropfen dagegen. Das Meer. Das Meer vermisse er am meisten, noch mehr als seine Familie, sagt er und lächelt bemüht.

Paco ist an der Costa del Sol aufgewachsen. Seinen richtigen Namen möchte er nicht in der Zeitung lesen, weil er "irrelevant" sei. Er wisse: Seine Geschichte ist bloß eine von unzähligen, die zusammen von der Perspektivenlosigkeit einer Generation erzählen. Fast all seine Freunde hätten Spanien inzwischen verlassen.

Paco ist 27 Jahre alt. Er ging in Málaga zur Schule, war technisch interessiert, studierte Ingenieurwissenschaften - eine Fachrichtung, mit der man später etwas machen kann, Arbeit findet, dachte er damals.

Heute lebt Paco in Innsbruck und arbeitet als Elektriker. Er kam vergangenen August nach Tirol, weil es in Málaga einfach keine Jobs gab. Nicht nur in seiner Branche, sagt er. In keiner. Die Region, aus der er kommt, lebe ausschließlich von Tourismus und Bauwirtschaft. Seit einigen Jahren auch das nicht mehr besonders gut.

Goldenes Deutschland

Also entschloss er sich, nach dem Studium das Land zu verlassen. Irgendwohin, wo man arbeiten kann. England sei bei jungen Spaniern für schlechte Bezahlung bei schlechter Behandlung bekannt, der europäische Norden gelte als attraktives, aber teures Pflaster, die meisten würden nach Deutschland wollen - wegen Angela Merkel, die jeden Tag im spanischen Fernsehen zu sehen sei und dort dem deutschen Wohlstand ein dralles Gesicht gibt.

Paco entschied sich für Österreich. Einer seiner Schulfreunde war bereits hier und schwärmte davon, wie viel Arbeit es gebe. Bereits nach einer Woche hatte Paco einen Job - nur eben auf der Baustelle, nicht als Mechatroniker in einem IT-Unternehmen.

Paco beschwert sich nicht. Er könne mit seinen Händen arbeiten und nebenbei Deutsch lernen, um irgendwann das machen zu können, wofür er eigentlich qualifiziert ist. Beim AMS hatte er gefragt, ob man ihm einen Sprachkurs finanziere. Gern, er müsse dafür nur seinen Job aufgeben.  (Katharina Mittelstaedt, DER STANDARD, 24.5.2014)

  • Spanische Jugendliche protestierten gegen die Sparpolitik. Viele von ihnen verlassen das Land.
    foto: ap/ barrientos

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