"Ich bin wie Obelix in den Zaubertrank der Freiheit gefallen“

Interview23. Mai 2014, 17:48
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Der Europapolitiker Daniel Cohn-Bendit zieht Bilanz über seine politische Karriere

Daniel Cohn-Bendit beendet nach 20 Jahren als Fraktionschef der Grünen im Europaparlament seine politische Karriere. Im Gespräch mit Thomas Mayer zieht er eine politische Lebensbilanz. Er war die Ikone des Pariser Mai-Aufstands 1968, wurde aus Frankreich ausgewiesen, wohin seine Eltern 1933 vor den Nazis geflohen waren. Cohn-Bendit, der Sponti, Antikommunist und RAF-Kritiker, wohnte mit Joschka Fischer in einer WG in Frankfurt, ging mit diesem zu den Grünen, half ihm beim Aufstieg zum Außenminister – und erzählt nun, wie Joschka zum Weltmeister im Austernöffnen wurde.

STANDARD: Sie scheiden im Juli als Abgeordneter aus dem Europaparlament aus. Ist das der endgültige Abschied aus der aktiven Politik nach fast 50 Jahren?

Cohn-Bendit: Weiß ich nicht. Sagen wir, meine aktive Politik hat Ende der 1960er-Jahre angefangen. Man könnte auch sagen, es hat in der Schule angefangen, da war ich Parlamentspräsident, in der Schülermitverwaltung. Könnte sagen, ich habe mit 16 angefangen.

STANDARD: In der berühmten Odenwaldschule bei Heppenheim.

Cohn-Bendit: Berühmt für viele Sachen.

STANDARD: Jedenfalls damals eine liberale Schule.

Cohn-Bendit: Mein Vater war Rechtsanwalt und war ein Linker und war ein Verteidiger der Roten Hilfe. Er hat nach dem Reichstagsbrand 1933 einen Tipp bekommen, dass er verhaftet wird. Dann ist er mit meiner Mutter, einer jungen Juristin, nach Paris geflohen. Da war er in einem liberalen Kreis, mit Walter Benjamin, Hannah Arendt zum Beispiel. Mein Bruder ist 1936 in Frankreich geboren. Dann sind sie mit Ausbruch des Krieges nach Südfrankreich geflohen, da haben sie ein Kinderheim gehabt für jüdische Kinder, deren Eltern deportiert waren. Die wurden bei Bauern versteckt, so wie mein Bruder auch. Ich wurde kurz vor Kriegsende geboren, gezeugt nach der Landung der Alliierten im Juni 1944 in der Normandie.

STANDARD: Das haben Sie bei Ihrer Abschiedsrede über Krieg und Frieden in Straßburg auch erzählt. Sie haben riesigen Applaus dafür bekommen, von allen Fraktionen. Man weiß bei Ihnen nie ganz genau, wo Sie politisch stehen. Sind sie wirklich ein Grüner? Oder doch ein Liberaler? Was hat Sie geprägt?

Cohn-Bendit: Mein Vater war ein Salonsozialist, also mehr als liberal. Er war natürlich sehr antikommunistisch. Mein Bruder, der einen großen Einfluss gehabt hat, der war als junger Mensch bei Sartre, in der kommunistischen Partei, da ist er rausgeflogen. Dann bei den Trotzkisten, auch rausgeflogen, bis er auch bei den Libertären landete. Ich bin durch ihn einen gewissen Weg durchgegangen, konnte dann gleich woanders anfangen. Bin ich ein Linker, heute? Pffff. Ich finde, diese Frage, wenn sie so gestellt wird, ist ein Ausdruck intellektueller Faulheit.

STANDARD: Weil es zu einfach ist, oder was?

Cohn-Bendit: Also, in der sozialen Frage, da geht es um Verteilungsfragen, da gibt es links und rechts, Linke gegen Neoliberale. Da stellt sich die Frage, wie man soziale Fragen löst, durch mehr oder weniger Staat. Also da kann man links und rechts noch ganz gut verorten. In der Frage der Ökologie ist es schon anders. Da gibt es Linke, die sind für Atomenergie, und es gibt Rechte, die sind Ökologen. Die Ökologiebewegung war ja eine Kritik an linkem und rechtem Produktivismus. Die Ökologie ist nicht einfach zu verorten in rechts oder links.

STANDARD: Wie sind Sie, der rote Dany und Revolutionär, der aus Frankreich ausgewiesen wurde, zu den Grünen gekommen?

Cohn-Bendit: Roter Dany hieß ich wegen meiner Haare. Wir waren hier in Frankfurt in einer Alternativbewegung. Wir wollten keine Parteibewegung, wir wollten eine andere Welt in der hiesigen Welt aufbauen. Wohngemeinschaft, selbstverwaltete Betriebe, darum ging es damals. Und dann wurden wir konfrontiert mit der Welle der Anti-Atom-Bewegung, der Friedensbewegung auch. Und da wurde mir oder uns klar, dass solche Bewegungen wie das Meer sind. Es gibt Ebbe und Flut. Wenn du politisch was auffangen willst, musst du aus der politischen Bewegung heraus auch die institutionelle Politik besetzen. Und das war die Grundüberlegung, dann zu den Grünen zu gehen. Ich bin nach der Studentenbewegung zur Politik gekommen, habe eine Zeitschrift geführt.

STANDARD: Den "Pflasterstrand", das alternative Stadtmagazin in Frankfurt.

Cohn-Bendit: Und dann gab es den Moment: Grüne ja oder nein. Und da waren wir die Speerspitze zur Realpolitik. Wenn man was verändern will, muss man sich auf das einlassen. Für mich kämen die Sozialdemokraten nie in Frage.

STANDARD: Warum, waren Ihnen die zu starr?

Cohn-Bendit: Nein, nicht zu starr, ich würde sagen, inhaltlich falsch.

STANDARD: Hat Kanzler Helmut Schmidt die ökologische Frage übersehen? In Österreich war das mit Bruno Kreisky auch so, so sind die österreichischen Bürgerinitiativen, dann die Grünen entstanden.

Cohn-Bendit: Übersehen ist gut! Helmut Schmidt hat viele Fragen übersehen, nicht nur die ökologische Frage. Schmidt hat mit Egon Bahr Anfang der 1980er-Jahre die ganze Freiheitsbewegung in Polen übersehen. Bahr hat gesagt, Solidarnosc setzt den Weltfrieden aufs Spiel. Das ist genau so, wie sie heute zur Ukraine argumentieren. Was fällt den Polen ein, frei werden zu wollen!

STANDARD: Auch hier eine Parallele zu Österreich. Die Regierung Kreisky hat 1981 die Visapflicht für Polen eingeführt.

Cohn-Bendit: Ja, typisch. Die sind festgefahren in einem Weltbild. Und in dieses Weltbild passte nicht, dass die Menschen ihre eigene Freiheit erkämpfen wollen.

STANDARD: Genau das war für Sie aber ein Fixpunkt?

Cohn-Bendit: Ja, klar. Ich habe die alle kennengelernt, den Adam Michnik und so weiter. Einer der Männer, die ich am meisten bewundert habe, war Marek Edelmann, einer der führenden Kommandanten im jüdischen Warschauer Ghetto. Er war später Mitbegründer von Solidarnosc. Das ist eine große Figur gewesen. Was die Menschenrechte und die Linke betrifft: Da gibt es Menschen, die unterstützten Kuba und Castro, Chavez in Venezuela. Aber da war es nicht sehr frei. Die Rechten haben Pinochet in Chile unterstützt und so. In Fragen von Freiheit und Grundrechten ist links und rechts ein Vabanquespiel. Und dann gibt es die Europafragen. Wo ist da links und rechts? Da antworte ich mit Serge Gainsbourg und Jane Birkin: Je t'aime, moi non plus.

STANDARD: Es scheint dennoch so zu sein, dass europäisch gesinnte Politiker, auch wenn sie aus ideologisch völlig unterschiedlichen Lagern kommen, viele gemeinsame Bezugspunkte finden, wenn es um Europa geht. Jean-Claude Juncker fällt mir da ein. Ist das bei Ihnen auch so?

Cohn-Bendit: Da treffen Sie einen Punkt. Ich habe ein sehr gutes Verhältnis zu Juncker, wir duzen uns sogar. Ich habe ein gutes Verhältnis zu Parlamentspräsident Martin Schulz und zum Liberalen Guy Verhofstadt. Es gibt politische Persönlichkeiten in Europa, für die ist Europa nicht nur ein politisches Spiel. Sie haben Europa so in sich integriert, dass es eine Notwendigkeit für sie ist. Sie sind beseelt von Europa, auch wenn sie unterschiedliche Vorstellungen von Europa haben.

STANDARD: Das "Time"-Magazin hat die extrem rechte Front-National-Chefin Marine Le Pen auf dem Cover mit der Frage, ob es Europas Rechten gelingen wird, die Union von innen her zu sprengen. Das Gegenmodell.

Cohn-Bendit: Ich sage Nein, es wird ihnen nicht gelingen. Vergangene Woche gab es eine TV-Debatte mit den fünf EU-Spitzenkandidaten, Juncker, Schulz, Verhofstadt, der grünen Ska Keller und Alexis Tsipras von der Linken. Die Rechten waren nicht dabei, nicht weil sie nicht eingeladen waren, sondern weil sie niemanden haben. Sie können als französischer Nationalist nicht von einem Holländer vertreten sein. Oder als Holländer von einem Franzosen.

STANDARD: Eine nationale Internationale ist ein gewisser Widerspruch.

Cohn-Bendit: Ja. Das bedeutet, dass sie als zerstückelt dastehen. Vielleicht machen sie eine Fraktion. Aber sie sind nicht eine Kraft, die euroskeptisch von innen zersetzt. Sie werden im Parlament nicht anwesend sein, es ist eine verlorene Stimme. Klar, die Mehrheitsverhältnisse werden anders. Die proeuropäischen Kräfte werden vielleicht nicht 630 sein, sondern nur 600 Mandate. Aber in diesen 600 werden sie immer eine Mehrheit finden, die eine europäische Entscheidung trifft, ob eine richtige oder falsche.

STANDARD: Aber die Spaltung ist da, ein Kernproblem, dass es eine immer größere Gruppe in Europa gibt, die die Union auflösen will.

Cohn-Bendit: Ja, aber man muss auch sehen, 30 Prozent der Wähler von Le Pen wollen nicht aus dem Euro austreten, was sie aber propagiert. Die Leute wählen sie, damit es ein bisschen Rambazamba gibt. Es gibt nicht nur den Europaskeptizismus. Es gibt generell einen Politikskeptizismus. Und der ist da auf nationaler, kommunaler und europäischer Ebene. Europa ist für viele noch dazu neu, komplexer, erst im Aufbau.

STANDARD: Also Sie sind Optimist, was die Demokratie in Europa betrifft?

Cohn-Bendit: Es dauert. So sind historische Prozesse. Amerika hatte eine Verfassung, und dann gab es einen Bürgerkrieg. Das hat dann Amerika letztlich zusammengeschmiedet. Wir haben den Bürgerkrieg hinter uns. Wir bauen etwas auf. Und es gilt: Das, was wir aufbauen, wird nicht kriegerisch durchgesetzt.

STANDARD: Zurück zu Ihren Wurzeln, 1968, zum Marxismus.

Cohn-Bendit: Ich war nie Marxist.

STANDARD: Sie waren Antikommunist.

Cohn-Bendit: Aber auch nicht Marxist, so richtig. Ich war marxistisch-libertär. Es gab immer diesen antiautoritären Flügel. Wissen Sie, warum? Der Marxismus hat immer behauptet, eine Wissenschaft der Veränderung zu sein. Der Kapitalismus bricht zusammen, und die Revolution kommt, und alles wird perfekt.

STANDARD: Historisch determiniert.

Cohn-Bendit: Das ist die Basis für Autoritarismus und Diktatur. Warum? Weil die Partei das wissenschaftlich durchschaut hat und die Massen zu ihrem Glück führt. Der Marxismus hat vieles verstanden am Kapitalismus, aber eine Grundsäule des deterministischen Denkens führt zu totalitärer Praxis.

STANDARD: Das war Ihnen immer zu eng?

Cohn-Bendit: Diese ganzen Leute, die die Menschen führen wollen, die Partei, der ganze wissenschaftliche Sozialismus, das war für mich ein Alptraum.

STANDARD: Wie haben Sie es bei den Grünen ausgehalten?

Cohn-Bendit: Parteien sind immer schwierig. Wir haben Auseinandersetzungen geführt um die Realpolitik. Da wurden wir am Anfang geschmäht und so, bis dann der Joschka Fischer Minister in Hessen wurde. Ich habe dann die Bosnien-Auseinandersetzung geführt.

STANDARD: Sie haben den Einsatz militärischer Gewalt befürwortet zur Beendigung des Bürgerkriegs, ein grünes Tabu damals. Sie waren ziemlich isoliert.

Cohn-Bendit: Aber wir hatten recht. Die Pazifisten sagen, eine Militärintervention hat noch nie etwas Gutes gebracht. Dazu sage ich: Nein. Warum? Ich bin dank einer Militärintervention geboren. Ohne die Landung der Alliierten in der Normandie 1944 wäre ich nicht auf die Welt gekommen.

STANDARD: Das haben Sie in Ihrer Abschiedsrede im Europaparlament gesagt, wie haben Sie das gemeint? Ihre beiden Eltern waren ja in Frankreich im Exil damals.

Cohn-Bendit: Ja, aber die hätten kein Kind gemacht. Das war Horror. Als die Alliierten landeten, haben sie gesagt, jetzt können wir ein Kind der Freiheit machen. So bin ich wie Obelix in den Zaubertrank der Freiheit gefallen.

STANDARD: Wie hängt das mit Bosnien 1995 zusammen?

Cohn-Bendit: Ich kann Konzentrationslager nicht aushalten, ganz existenziell. Ich bin überhaupt nicht religiös, meine Frau ist nicht jüdisch. Aber irgendwo tief in mir drin gibt es etwas, das sagt, wenn du 20 Jahre früher geboren wärst, wärst du irgendwo gelandet. Und wenn ich hörte, irgendwo in Bosnien gibt es Konzentrationslager und Massenvergewaltigungen von Frauen, dann sage ich, da muss man intervenieren. Das muss man öffnen. Es gab eine große Diskussion hier in Frankfurt mir Joschka, wo ich gesagt habe, man muss dort intervenieren. Das war 1990, mein Sohn gerade geboren. Er fragte mich: Würdest du deinen Sohn nach Bosnien befehlen?

STANDARD: Was haben Sie gesagt?

Cohn-Bendit: Ich habe gesagt, Joschka, du hast einen Sohn, der ist bei der Feuerwehr, und dieses Hochhaus da drüben brennt. Würdest du deinem Sohn sagen, rette keine Menschen? Es müssen manchmal Menschen gerettet werden.

STANDARD: Sie waren Joschka Fischer offenbar immer ein paar Jahre voraus. Er brauchte zehn Jahre für diese Position, beim Kosovo-Krieg der Nato. Ist das so?

Cohn-Bendit: Stimmt.

STANDARD: Sie schmunzeln jetzt so vielsagend.

Cohn-Bendit: Der Joschka war zum Beispiel, als es um die Hinwendung zu den Grünen ging, erst einmal dagegen. Er sagte, wir müssen unsere Identität außerhalb dieser traditionellen politischen Strukturen halten. Dazu hat er Texte geschrieben, und dazu haben wir gestritten. Und dann ist er irgendwann gekommen, und dann sagte er, du hast recht. Wir müssen zu den Grünen, das ist jetzt die richtige Phase. Und deshalb muss einer von uns versuchen, in den Bundestag zu kommen, sagt er zu mir. Da sage ich zu ihm, Joschka, du weißt, dass das nichts für mich ist. Der Rahmen, der Kampf bei den Grünen, von Kreisverband zu Kreisverband, um nominiert zu werden. Aber ich unterstütze dich. Der "Pflasterstrand" unterstützt dich, und dann ist er Abgeordneter geworden. Jahre später dann Umweltminister, dann Außenminister.

STANDARD: Sie erzählen das mit einem ständigen verschmitzten Lächeln. Waren Sie für ihn der große Bruder?

Cohn-Bendit: Wir haben ja zusammen gewohnt, in einer Wohngemeinschaft. Eines Morgens kam mein Bruder aus Frankreich auf Besuch, eingepackt 60 Austern. Und Joschka hat Austern entdeckt. So ist der Joschka. Er fand das fabelhaft. Ein paar Wochen später ist er nach Paris gefahren, hat sich bei einem Austernstand hingestellt und zwei Stunden beobachtet, wie man Austern öffnet. Jetzt ist er der Weltmeister im Austernöffnen.

STANDARD: Ein Vorzugsschüler.

Cohn-Bendit: Nein, wenn er etwas will, dann macht er das so. Er ist ein Autodidakt und wahnsinnig fähig, Sachen aufzugreifen. Die große Debatte, die wir hatten, war die über Gewalt. Es war der Anlass hier die RAF, aber auch die Gewalt auf der Straße durch die Autonomen und Steine, die Putzgruppen, die Steinewerfer. Und da war es auch so, das sagt er selbst, ich habe da einige in Frankfurt gerettet vor falschen Entscheidungen. Ja, und deshalb muss ich lächeln.

STANDARD: Sie wussten immer schon etwas früher als er, was richtig war?

Cohn-Bendit: Nein, bei Gewalt ist es so, wie ich bei Konzentrationslagern die Dinge sehr persönlich nehme. Wenn ich einen Film über die Nazi-Zeit sehe, und sei es noch so ein Schinken, dann weine ich. Ich habe eine Urangst vor Gewalt.

STANDARD: Kommt das von Ihrer Mutter?

Cohn-Bendit: Es waren beide, der Vater auch. Sie müssen eines verstehen: Mein Vater ist gestorben, da war ich 14. Meine Mutter starb, als ich 17 war. Da war ich Vollwaise. Ich hatte meinen Bruder, der ganz wichtig ist, neun Jahre älter.

STANDARD: Sie mussten früh erwachsen sein?

Cohn-Bendit: Ja, ich habe eine Wohnung gehabt, in Paris. Das war unsere Wohnung. Ich habe eine Waisenrente vom Staat gehabt, meine Mutter war eine Jugendrichterin, die ist als Wiedergutmachung in Ruhestand gesetzt worden frühzeitig. Finanziell ging's mir sehr gut. Ich hatte 700 Mark pro Monat, das war damals viel Geld. Aber ich musste mein Leben machen mit 17.

STANDARD: Was ist Ihr Staatsverständnis heute?

Cohn-Bendit: Ich muss ehrlich sagen, ich habe kein Staatsverständnis. Das ist auch manchmal meine Ungerechtigkeit, wenn ich Nationalismus anprangere. Ich finde, der Staat ist dazu da, Ungerechtigkeiten auszubalancieren, zu schützen, um die Bildung zu garantieren, die Menschen im Falle von Krankheiten zu schützen. Kann er dies alles in Zeiten der Globalisierung leisten? Da sage ich Nein. Deswegen brauchen wir die europäische Solidarität. Aber ich habe keine Identifikation mit einem Staat. Das ist auch das Buch, das ich schreiben will, wenn ich es schaffe. Ich glaube, ich habe es verstanden, was ich will. Ich bin ein Jude der Diaspora. Diaspora ist eine transnationale Identität.

STANDARD: Sie reden auch nicht wie ein Grüner, sondern wie ein Liberaler, wenn man das jetzt einmal nicht nur ökonomisch formuliert.

Cohn-Bendit: Stimmt, das ist absolut richtig. Im Wahlkampf 1999 habe ich in Frankreich eine ungeheure Auseinandersetzung mit den Linken gehabt, weil ich gesagt habe, ich bin liberal-libertär. Also liberal, weil man die ganzen Versatzstücke von Emanzipation, Autonomie, von Selbstverwaltung in einer liberalen Gesellschaft wieder aufnehmen kann.

STANDARD: Zu den Grünen. Die sind in Europa in einer Krise, was läuft falsch?

Cohn-Bendit: In Ländern wie Frankreich werden sie bei den EU-Wahlen verlieren. Beim letzten Mal, 1999, war das außergewöhnlich, da spielten die französischen Grünen mit Zidane. Und das war ich. Zidane ist nicht mehr da. Da braucht es eine Generation, um was Neues aufzubauen. So, wie es im Fußball ist, so ist es auch in der Politik manchmal. Aber generell ist es uns als Grünen nicht gelungen, in der Krise eine politische Ökologie zu kreieren, eine Lösung nicht nur ökologisch, sondern auch ökonomisch und politisch. Das zu formulieren ist uns nicht gelungen. Deshalb gibt es in der Gesellschaft einen Rückschritt. Die Leute sagen, lassen wir mal die Ökologie beiseite, zuerst muss die Wirtschaftskrise gelöst werden.

STANDARD: Man muss sich Umweltschutz zuerst leisten können?

Cohn-Bendit: Der grüne Ansatz ist, dass das, was wir heute machen, in eine Perspektive von 30 Jahren gestellt wird. Die modernen Demokratien sind aber Unmittelbarkeitsdemokratien. Die Menschen sagen, da kann ich ja in 30 Jahren drüber nachdenken. Und das ist eines der großen Probleme für die Grünen. Die meisten Parteien machen Wahlkampf und sagen, wählt uns, dann wird alles besser. Die Grünen sagen, wählt uns, und es wird alles schlechter.

STANDARD: Warum waren Sie 2009 bei der EU-Wahl, als Sie in Frankreich für die Grünen antraten, so erfolgreich? Sie sind jemand, der 1968 nach Deutschland ausgewiesen wurde, dem die Konservativen "Cohn-Bendit nach Dachau!" nachriefen.

Cohn-Bendit: Wissen Sie, das gab es. Aber es gab auch die für mich emotionalste Demonstration in Paris. Ich war gar nicht dabei, ich war ausgewiesen, war in Deutschland. Da gab es also die Demonstration, Hunderttausende waren dabei, und die schrien: "Wir sind alle deutsche Juden!" Das war die Antwort. Diese Gesellschaften sind widersprüchlich. Ich habe 2009 in Frankreich eine Lust auf Europa verkörpert, eine Freiheit des Denkens und eine Fähigkeit zur Ironie, die die Menschen getroffen hat. Ich habe in Paris 27 Prozent an Wählerstimmen gehabt. Ich war Symbol eines ökologischen Freigeistes.

STANDARD: Eine Art späte Wiedergutmachung? Lazlo Tökes, ein EU-Abgeordneter, Pfarrer in Rumänien, der 1989 in Temesvar die Revolte auslöste, sagte mir vor kurzem, er habe keine Ahnung gehabt damals, was mit ihm passiert. Kamen Ihnen der Studentenaufstand in Paris und die Ausweisung damals auch absurd vor?

Cohn-Bendit: Ja, ich habe nicht daran geglaubt. Ich dachte, nach einer Woche ist das vorbei. Es war absurd, doch. Der Polizeipräsident von Paris hat damals sogar dagegen protestiert, sagte, es sei verrückt, mich hinauszuwerfen, weil ich verhindert habe, dass es Tote gab. Aber de Gaulle war so erschrocken, ein Feindbild musste her. Ich war das Feindbild der Kommunisten und der Gaullisten, die Inkarnation des Teufels.

STANDARD: Warum eigentlich?

Cohn-Bendit: Weil ich nicht zu fassen war. Weil ich in den Schablonen des Kommunismus und des Kapitalismus nicht stecken konnte. Das hat zu Verunsicherung geführt. Einen Teil der Menschen hat das begeistert.

STANDARD: Europa ist die letzte Utopie. Stammt von Ihnen. Was meinen Sie damit?

Cohn-Bendit: Stimmt auch. Wir haben einen Traum, dass unsere Gesellschaft anders denken und funktionieren kann. Europa ist eine Utopie des Friedens, der ökologischen und sozialen Gerechtigkeit in der globalisierten Welt. Das gibt uns die Richtung an. Das geht über die parteipolitischen Lager weit hinaus. Es sind ja nicht nur die Grünen, die die Vereinigten Staaten von Europa begründen können.

STANDARD: Wie sehen Sie die nächsten 20 Jahre, wie werden wir Europäer dann dastehen, wenn kein europäisches Land mehr zu den wichtigsten G-7-Ländern der Welt gehören wird? Jean-Claude Juncker hat mir vor kurzem gesagt, dies sei die eigentliche Frage für Europa.

Cohn-Bendit: Das ist meine Rede in Frankreich. In 20 oder 30 Jahren wird der Einfluss von Frankreich in der Welt so ähnlich sein wie der Einfluss Luxemburgs heute in Europa. Man kann Luxemburg werden wollen, aber dann soll man mir nicht vom großen Frankreich daherreden. Dann muss man sagen, wir sind ein langweiliger kleiner Staat, aber das genügt uns. Oder wir wollen unser Leben selbst bestimmten. Die Frage, die sich für Europäer stellt, ist, ob sie in Zukunft über ihr Leben selbst bestimmen können. Wenn sie im Nationalstaat verharren, werden andere in der Welt über sie bestimmen. Punkt. (Thomas Mayer, derStandard.at, 23.5.2014)

  • Daniel Cohn-Bendit: "Wir haben einen Traum, dass unsere Gesellschaft anders denken und funktionieren kann. Europa ist eine Utopie des Friedens, der ökologischen und sozialen Gerechtigkeit in der globalisierten Welt."
    foto: thomas mayer

    Daniel Cohn-Bendit: "Wir haben einen Traum, dass unsere Gesellschaft anders denken und funktionieren kann. Europa ist eine Utopie des Friedens, der ökologischen und sozialen Gerechtigkeit in der globalisierten Welt."

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