Wenn die Krankenakte im Bermuda-Dreieck verschwindet

23. Mai 2014, 14:49
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Amerikanische Kliniken, in denen ausschließlich Kriegsveteranen behandelt werden, stehen im Kreuzfeuer der Kritik: Um in der Statistik der Wartezeiten gut dazustehen, haben sie systematisch Patientendaten manipuliert

Es war am 28. September 2013, als Teddy Barnes-Breen seinen Vater Thomas zum ersten Mal ins Krankenhaus fuhr. In die Klinik des VA, des Department of Veterans Affairs, in Phoenix. In ein Spital, das ausschließlich Kriegsveteranen behandelt, Leute wie Thomas Breen, der einst bei der Navy diente. Der 71-Jährige hatte Blut im Urin, worauf die Ärzte der Notaufnahme den Fall als akut einstuften. Eile sei geboten, vermerkten sie sinngemäß in der Akte.

Sieben Monate Wartezeit

Tage vergingen, ohne dass etwas geschah. Als Breens Schwiegertochter Sally besorgt nachfragte, gab man ihr zu verstehen, sie möge nicht drängeln. Es gebe noch andere Patienten mit akuten Problemen, die Wartezeit liege in aller Regel bei sieben Monaten.

Sally ließ nicht locker, fast täglich rief sie an, bis ihr Schwiegervater am 30. November starb, an Blasenkrebs, wie man posthum feststellte. Eine Woche darauf meldete sich die Klinik mit einem Termin, worauf Sally, sarkastisch in ihrem Schmerz, der Frau am Telefon antwortete: "Sweetheart, Sie kommen ein bisschen spät."

Systematische Manipulation

Die Sache zieht Kreise, zumal Sally Barnes-Breen dem Fernsehsender CNN davon erzählte. Parallel dazu meldete sich ein Whistleblower, ein Arzt namens Sam Foote, um die Missstände in dem VA-Krankenhaus in Phoenix zu schildern. Nach seinen Beobachtungen werden die Wartelisten dort systematisch manipuliert, damit die Statistikkurven rasante Verbesserungen anzeigen, ohne dass sich tatsächlich etwas verbessert. Mindestens 40 Veteranen, schätzt Foote, seien gestorben, während sie auf den Beginn ihrer Behandlung warteten.

Ein Regierungsinspektor soll den Berichten nachgehen und in spätestens drei Monaten Bilanz ziehen. Die American Legion, eine Veteranenorganisation der Armee, mit politischen Statements sonst sehr zurückhaltend, fordert Eric Shinseki, den VA-Ressortchef, bereits jetzt in ungewohnter Deutlichkeit zum Rücktritt auf. "Beim VA scheint es übliche Praxis zu sein, die Wahrheit zu verbergen, um gut dazustehen", schimpft die Senatorin Patty Murray, eine Demokratin aus dem Pazifikstaat Washington.

Kurzum, der Skandal hat ein Stadium erreicht, dass sich auch Barack Obama einschalten muss. "Falls diese Anschuldigungen zutreffen, ist das beschämend", wetterte er am Mittwoch. "Es ist unredlich, und ich werde es nicht tolerieren, Punkt, aus." Noch steht der Präsident hinter Shinseki, das aber kann sich bald ändern.

Versprechen einer "VA des 21. Jahrhunderts"

Bessere Fürsorge für Kriegsveteranen, zumeist junge Männer, die mit körperlichen und seelischen Wunden aus dem Irak und Afghanistan heimkehrten - es war ein wichtiger Punkt auf der Agenda des Kandidaten Obama. Unter George W. Bush häuften sich die Klagen, der schwerfällige, unzureichend finanzierte Apparat des VA mit seinen 1.700 Kliniken und Pflegeheimen schien hoffnungslos überfordert.

Mit den Kriegen in der Ferne musste er zwei Millionen zusätzliche Patienten verkraften, oft nervliche Wracks, die unter posttraumatischer Belastungsstörung litten. Die Grundmelodie war, dass Amerika die Soldaten, die es zu hellen Fanfaren in seine Feldzüge schickt, schnöde im Stich lässt, wenn sie Hilfe brauchen. Die Misere war das Stigma Bushs, dabei sollte es bleiben. Obama hingegen versprach ein "VA des 21. Jahrhunderts". Und Shinseki, 1970 in Vietnam verwundet, sollte personell symbolisieren, dass sich nunmehr Leute kümmern, die Kriege nicht nur aus Sandkastenspielen kennen. In den Versprechungen der Aufbruchszeit liegt ein Teil der politischen Brisanz des Skandals.

Schockierende Einblicke

Betroffen sind Spitäler in Albuquerque, Fort Collins (Colorado) und Miami, noch ist die Liste unvollständig, aber im Mittelpunkt steht das Medical Center in Phoenix. Dr. Foote, der dort 24 Jahre gearbeitet hat, gab schockierende Einblicke. Theoretisch, nach den Vorgaben Shinsekis, muss ein Behandlungsbedürftiger nach spätestens zwei Wochen drankommen. In Phoenix wussten sie von vornherein, dass solche Fristen nicht zu halten sind, was zur Folge hatte, dass sich die Verwaltung ein kompliziertes Verfahren ausdachte, um die Realität schönzufärben.

Meldete sich ein Patient zum ersten Mal, gab man seine Daten zwar in den Computer ein, speicherte sie aber nicht ab, sondern druckte sie lediglich aus. Der Papierbogen wurde gescannt und in eine elektronische Geheimkartei eingespeist, bevor er im Schredder landete. Erst wenn der zu vergebende Arzttermin innerhalb der 14-Tage-Frist lag, wanderte die Krankenakte zurück in die offizielle Kartei. (Frank Herrmann aus Washington, derStandard.at, 23.5.2014)

  • Das Medical Center in Phoenix steht im Mittelpunkt.
    foto: ap photo/ross d. franklin

    Das Medical Center in Phoenix steht im Mittelpunkt.

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