Die Scherben der Intimität

Blog23. Mai 2014, 15:04
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Der Schriftsteller Ilija Trojanow über Georg Friedrich Haas' "Bluthaus" bei den Wiener Festwochen

Vor einiger Zeit rief mich in Bombay ein befreundeter Journalist an, er benötige dringend eine neue Bleibe, er habe seine letzte, erst vor kurzem bezogene Wohnung fluchtartig verlassen müssen. Nacht um Nacht, kurz nach dem Einschlafen, sei er von einem kalten Hauch geweckt worden, er habe gespürt, etwas sei im Zimmer, er habe nicht mehr einschlafen können. Manchmal habe er ein leises Jammern gehört. Bald litt er unter Schlaflosigkeit, konnte kaum noch arbeiten. Er hörte sich in der Nachbarschaft um und erfuhr, dass in seinem Schlafzimmer vor Jahren eine junge Frau aus Liebeskummer Selbstmord verübt habe. Er sei sofort ausgezogen, habe aber seine Möbel zurückgelassen. Als er am Tag zuvor mit mehreren Möbelpackern im Gefolge die Wohnungstür geöffnet habe, habe er einen Scherbenhaufen vorgefunden: alle Fenster, alle Glühbirnen, selbst ein alter, eingelassener Spiegel seien zerbrochen gewesen. Er habe die Tür sofort geschlossen und sei die Treppe hinab zum Ausgang geeilt.

foto: ruth walz

Jahre später, in einem Kloster, in dem eine Sommerakademie stattfand, an der ich zu unterrichten hatte, ist auch mir völlig überraschend der Schlaf vergangen. Nach zwei quälend schlaflosen Nächten hörte ich von zwei anderen Dozenten, dass auch sie unter Schlafstörungen litten. Bei einer Hausführung am selben Nachmittag wurden wir informiert, dass in diesem Gebäudekomplex während der Nazizeit gemordet wurde (Euthanasie).

Verwünscht, sagte man früher; kontaminiert, heißt es heute (Martin Pollack). Einsperrende Räume, Traumata, die vom Leben aussperren. Es geht eine Enge von der Vergangenheit aus, die einem die Kehle zuschnürt. Die Spuren von Blut sind weniger belastebd, als die Wände, die einen Menschen wie Nadja Albrecht einsargen. Lebendig begraben in einer Erinnerung, die allein wesentlich ist, in einem Haus, das es abzustoßen gilt. Auf dem Immobilienmarkt werden Traumata nicht gehandelt. Dominant und relevant sind in an diesem kontaminierten Ort jene, die nicht mehr sichtbar sind, der Vater, der Nadja missbraucht hat, die Mutter, die ihn ermordet hat, bevor sie sich selbst die Kehle aufschlitzte. Die Eltern überschatten mit ihrem Gesang das flüchtige Gerede der Gegenwart.

foto: ruth walz
Sarah Wegener und Daniel Gloger.

Diese Gegenwart, reine existentielle Illusion, wird auf zu viele Schultern verteilt, auf unzählige Kaufinteressenten, die von der Regie mit exaltierten, übertriebenen Gesten versehen werden, Spießer am Rande des Nervenzusammenbruchs, Karikaturen. Die dramatischen Räder greifen nicht im sandigen Boden des Alltags.

Die Musik von Georg Friedrich Haas, schwer zu beschreiben, von Anfang an bedrohlich, oft von wuchtiger Intensität und schmerzlicher Dringlichkeit, dann wiederum fein ausgelegt, wie ein Spinnennetz in den Nischen der Wahrnehmung. Fein abgestimmt mit dem Libretto von Klaus Händl — wie subtil es gearbeitet ist, erweist sich erst beim Nachlesen (man kann es nicht oft genug loben, wenn im Programmheft das Libretto vollständig abgedruckt wird).

foto: ruth walz

Bestimmt liegt es an meiner Mimosenhaftigkeit, aber es befremdet mich, wie viele Zuschauerinnen und Zuschauer nach einer zutiefst beunruhigenden Aufführung in den sicheren Hafen von Jubel und Applaus einkehren können, euphorisiert von dem (zweifellos grandiosen) ästhetischen Gelingen. Vielleicht ist das Klatschen die einzige Möglichkeit, sich aus den Fängen eines unerbittlichen Meisterwerks zu befreien.

Höhepunkt: Wenn die Räume eng werden, wenn das weitläufige Haus sich in eine engstirnige Zelle verwandelt, wenn kakophone Erregungen auf minimalistische Schleifen prallen, wenn die Kaufinteressenten aus der Hölle des Bluthauses vertrieben werden, spürt man geradezu körperlich: Es gibt kein Entrinnen.

Coda: Niedergeschlagen kehrte ich heim, deprimiert, doch nicht – wie so oft nach einem Opernabend – wegen der misslungenen Inszenierung, sondern wegen des erschütternden Gelingens. (Ilija Trojanow, derStandard.at, 23.5.2014)

  • Trojanows Operama
Unser gegenwärtiges Opernleben ist reichhaltig, aber ist es auch relevant? Auf subjektiv eigenwillige Weise, in einem literarischen Ton, wird Ilija Trojanow die Bedeutung des Musiktheaters heute anhand von aktuellen Aufführungen in Wien und anderswo unter die Lupe nehmen. Und sich immer wieder die Frage stellen, ob und wie sich unsere Zeit in den Inszenierungen widerspiegelt. Hintergrundberichte, Porträts und Interviews runden das Operama ab.
Bluthaus – Georg Friedrich Haas21. Mai 2014, Wiener Festwochen, Theater an der Wien
    bild: oliver schopf

    Trojanows Operama

    Unser gegenwärtiges Opernleben ist reichhaltig, aber ist es auch relevant? Auf subjektiv eigenwillige Weise, in einem literarischen Ton, wird Ilija Trojanow die Bedeutung des Musiktheaters heute anhand von aktuellen Aufführungen in Wien und anderswo unter die Lupe nehmen. Und sich immer wieder die Frage stellen, ob und wie sich unsere Zeit in den Inszenierungen widerspiegelt. Hintergrundberichte, Porträts und Interviews runden das Operama ab.

    Bluthaus – Georg Friedrich Haas21. Mai 2014, Wiener Festwochen, Theater an der Wien

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