Unpässlichkeiten und Stempelfreuden

Kolumne23. Mai 2014, 17:32
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Der europäische Körper

Eine Gesellschaft, vor allem eine geschlossene oder eine mit beschränkter Haftung, definiert sich durch die, die dazugehören, und durch jene, die draußen bleiben müssen. Je kleiner der Kreis der Erlauchten, desto exklusiver der Club. Exklusivität allein garantiert jedoch nicht automatisch Erfolg. Sonst wären die Rekos hocherfolgreich in ihrem Wahlkampf gegen ein Plakat mit Hamlet-Thematik: Zumpf oder nicht Zumpf, das ist hier die Frage.

Eine einfache Art, die draußen und drinnen zu definieren, ist eine Kennzeichnung, ein Stempel im Pass, der über Sicherheit und Fortkommen, ein Papier, das über das eigene Leben entscheidet. Dieses Papier, das mich an den Prager Golem erinnert, jenes Lehmwesen, das nur durch die richtigen magischen Zeichen auf dem richtigen Stück Pergament zum Leben erweckt wird und das, nach Entfernung dieses Papiers, wieder zu Lehm zerfällt.

Eine Schöpfungsgeschichte im Umkehrschub. Diese durchlebt jeder, der im Zustand des Transits gewesen war, der einmal fliehen musste oder aus anderen Gründen die Staatsbürgerschaft aufgibt. Wer den eigenartigen Schwebezustand erlebt hat, keinem Land der Welt zugehörig zu sein, als einer, der schon auf Erden die Schwerkraft zu verlieren droht, der wird sich an diese neuen Papiere klammern.

Ich kenne Menschen, die ihren Pass unterm Kopfpolster liegen haben, nachdem sie ihn nach langer Unsicherheit endlich erhielten und ein vollwertiges Mitglied der erlauchten EU-Familie werden durften. Ein wenig kenne auch ich diese Ehrfurcht vor den Amtspapieren. Jener Hauch Mystik der Beschwörungsformeln in Heiratsurkunde, Scheidungsurkunde, im Mietvertrag, und ja, auch in meinem Pass löst ganz bestimmte Prozesse in mir aus: eine Instantflashback und Erinnerung an jene Zeit, als ich ein kleiner sprachstumm stammelnder Fremdkörper in der schönen neuen Welt war. Als erkennbarer Eindringling an der Hand meiner Eltern durch die Innenstadt und durch sämtliche Museen gezerrt. Von den Einheimischen zum Teil misstrauisch beäugt, da ärmlich angezogen und laut.

Leider bezieht sich diese Ehrfurcht bei mir nur auf oben Genanntes. Mein Studiumsdiplom habe ich bei erstbester Gelegenheit verschmissen, ebenso wichtige medizinische Befunde und Spitalsunterlagen. Meine konkrete Leistung, mein konkreter Körper sind mir sicher, so, wie sie sind. Es ist jener transzendente, durch seine Abhängigkeit von undurchsichtigem Behördenwesen abhängige europäische Körper, dessen Erhalt und Verteidigung mir so viel Nerven geraubt hat. Europa verbindet und schließt gleichzeitig aus. Europa könnte Heimat sein. Eine, die ich ungern aufgeben würde. (Julia Rabinowich, Album, DER STANDARD 24./25.5.2014)

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