Sodbrennen nach dem Schaumrollenverzehr

23. Mai 2014, 17:56
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Tränenkrüglein, traulicher Schmollwinkel: Dichter lieben das Tagebuchschreiben. Und das Publikum kann nicht genug davon lesen

Warum hält jemand Tag für Tag fest, was er erlebt hat? Wird einem damit das gelebte Leben nicht zur Last? Beispiele dafür gibt es: "Man ist die Vergangenheit förmlich los und lebt nun wohlgemuth und unbedenklich in der Gegenwart und in die Zukunft hinein", schrieb einst fröhlich Thomas Mann seinem Freund Otto Grautoff, nachdem er, 21-jährig, seine frühen Tagebücher in den Ofen geworfen hatte.

Durchgehalten hat Mann seine Tagebuchabstinenz allerdings nicht. Bis an sein Lebensende verzeichnete er akribisch Alltagsbanalitäten wie Sodbrennen oder den Verzehr einer Schaumrolle beim Konditor für 1,75 Mark. Heute umfassen seine erhalten gebliebenen Journale in der S.-Fischer-Ausgabe zehn dicke Bände - ein Werk, für das Michael Maar glatt "die Hälfte seiner Bibliothek" opfern würde. In einer "kleinen Promenade" versucht der Berliner Literaturkritiker am Beispiel berühmter Tagebücher eine Antwort auf die Frage zu finden, warum so viele - und gerade so viele Schriftsteller - ein Diarium führten und führen. Und ebenso, warum die täglichen Notate fremder Leben beim Publikum eine solche Faszination auslösen.

In der Tat lässt sich inzwischen von einem veritablen Boom des Tagebuchs auf dem Buchmarkt sprechen: Immer neue Journale werden publiziert, darunter nicht nur Wiederentdeckungen wie das Traumtagebuch Arthur Schnitzlers. Sondern zunehmend auch die von Gegenwartsautoren, wie das Tagebuch Arbeit und Struktur Wolfgang Herrndorfs, über das Maar schreibt: "Es gibt in der Geschichte des Tagebuchs nichts, was ihm gleichkäme an Takt, Wärme, dunklem Witz, Sarkasmus und stillem Grauen."

Auf seine zwei Fragen findet Maar jeweils gleich mehrere Antworten, die man aber kaum als überraschend bezeichnen kann. Für den Leser, so Maar, sei in diesem Genre auf einzigartige Weise das Allerprivateste verbunden mit der großen Geschichte. Man denke nur an Kafkas Eintrag vom 2. August 1914: "Deutschland hat Rußland den Krieg erklärt. Nachmittags Schwimmschule." Vor allem aber enthalten Tagebücher die tröstliche Botschaft, dass wir "als Sündensäcke doch alle Brüder und Schwestern sind." Vorausgesetzt freilich, der Verfasser sei sich selbst gegenüber wirklich ehrlich. Weshalb für Journale die Regel gelte: je offener und schonungsloser, desto besser, so Maar - um sogleich an Gegenbeispiele zu erinnern wie die auf Fiktion und Rollenspiel setzenden Tagebücher Max Frischs.

Vielfältig können auch die Funktionen eines Diariums für seinen Verfasser sein: Ging es Viktor Klemperer im Dresdner "Judenhaus" vor allem um die Dokumentation unmenschlicher Verhältnisse, so anderen um ein Ventil für ihre Emotionen. Weshalb Gottfried Keller sein Journal als seinen "traulichen Schmollwinkel" bezeichnete, Schnitzler als "Spucknapf meiner Stimmungen" und Peter Rühmkorf als "Tränenkrüglein" und "Rotzlappen".

Von jeher sind Tagebücher der Ort, wo all die erlittenen oder auch nur eingebildeten Kränkungen und notorisch unzulänglichen Huldigungen der Mitmenschen festgehalten werden können. Sie sind aber auch, der Ort großer Bekenntnisse, etwa von heimlichen erotischen Neigungen, man denke nur an August von Platen oder eben Thomas Mann: "Warum schreibe ich das alles? "Um es noch rechtzeitig vor meinem Tode zu vernichten? Oder wünsche (ich), daß die Welt mich kenne?"

Offenbar das zweite. Freilich kann einen die Lust am Bekennen in Teufels Küche bringen, sobald Unbefugte mitlesen. Mancher schützt sich mit einer "Geheimschrift" wie Elias Canetti, der sich einer Kurzschriftvariante bediente, oder flüchtet sich in einen Fremdsprachenmix wie Samuel Pepys, was den englischen Voyeur und Schürzenjäger aber dennoch nicht vor dem Zorn seiner Gattin retten sollte. Das Problem, wie sich intime Aufzeichnungen vor unbefugten Blicken schützen lassen, ist im Zeitalter von Facebook und NSA aktueller denn je. (Oliver Pfohlmann, Album, DER STANDARD, 24./25.5.2014)

Michael Maar, "Heute bedeckt und kühl": Große Tagebücher von Samuel Pepys bis Virginia Woolf" . € 19,95 / 260 Seiten, C.H.-Beck-Verlag, München 2013

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