Berliner Melange

23. Mai 2014, 17:57
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Das Auktionshaus Villa Grisebach vereint (vorübergehend) ein Ensemble historischer Miniaturen aus der Sammlung des Grafen Esterházy

Verglichen mit zeitgenössischen Großformaten, die in ihrer stilistischen Buntheit und mit ihrem oftmals simplen Wiedererkennungswert auf dem internationalen Kunstmarkt um die Aufmerksamkeit kaufkräftiger Klienten buhlen, nimmt sich die Gattung Miniaturen bescheiden aus. Kaum eines dieser Porträts misst mehr als acht Zentimeter in Höhe oder Breite, die Dargestellten sind dem Durchschnittsbetrachter wiederum mehrheitlich unbekannt.

Dabei handelt es sich zumeist um Ebenbilder historischer Persönlichkeiten, Angehöriger regierender Häuser oder der Aristokratie. Ab dem späten 18. Jahrhundert waren diese Minibilder als "Konversations- und Erinnerungsobjekte" beliebt, "schmückten private Kassetten, wurden an Ketten am Herzen getragen oder in kleinen Kabinetten gesammelt", schildert Stefan Körner. Seit 2012 ist der Kunsthistoriker beim Berliner Auktionshaus Villa Grisebach für die Sparte "Orangerie" verantwortlich, die zu sammlerischem Crossover verführt: über assoziative Geschwister, Erlesenes der Kategorien angewandter und bildender Kunst mit künstlerischen, historischen und inhaltlichen Verknüpfungen. Eine Berliner Melange, wenn man so will.

Bei seinen Beutezügen quer durch Europa entdeckt Körner immer wieder außergewöhnliche Objekte österreichischer Provenienz, so auch im Vorfeld der kommenden Woche (29. Mai) anberaumten Auktion. Dort wartet ein Quartett, das ehemals zur Miniaturensammlung des Grafen Nikolaus Esterházy (Forchtensteiner Linie) gehörte. Im 20. Jahrhundert war die Kollektion über Plünderungen des Schlosses im ungarischen Csákvár in die redensartlichen Winde verstreut worden.

Vier dieser Miniaturen - deren Verbindung über rückseitige Gravuren zweifelsfrei erwiesen ist - finden nun - aus französischem, amerikanischem und österreichischem Privatbesitz - über Berlin wieder zueinander.

Eine historische, jedoch womöglich nur kurzfristige Reunion, da die Bildnisse einzeln versteigert werden. Zu diesem Ensemble gehört etwa das von der am Münchner Hof tätigen Künstlerin Franziska Schöpfer gemalten Porträt der gräflichen Schwester Antoinette Esterházy (12.000-14.000) und das virtuos mit Silberstift auf Elfenbein gezeichnete Selbstporträt des Grafen Nikolaus Esterházy (6000-8000 Euro).

Im Hintergrund ist dort jene Kutsche zu sehen, mit der seine Braut Marie-Françoise Roisin im Mai 1799 die einzig überlebende Tochter von Marie Antoinette und König Louis XVI auf ihrer Reise ins russische Mitau begleitete. Dort war Madame Royale (de France) Marie-Thérèse Charlotte (18.000-22.000), zum Spielball der Politik degradiert, mit einem Cousin verheiratet worden.

Anders bei Nikolaus und Marie-Françoise, die Heinrich Friedrich Füger als Hebe und damit als Mundschenk der Götter porträtierte (7000-9000 Euro), deren am 1. Juni 1799 geschlossene Ehe überaus glücklich werden sollte. (Olga Kronsteiner, Album, DER STANDARD, 24./25.5.2014)

  • Marie-Françoise Roisin.
    fotos: villa grisebach

    Marie-Françoise Roisin.

  • Artikelbild
    fotos: villa grisebach
  • Selbstporträt des verliebten Grafen Nikolaus Esterházy, das im Hintergrund jene Kutsche zeigt, mit der seine - von Heinrich Friedrich Füger als "Hebe" gemalte - Braut Marie-Françoise Roisin (oben) auf Reisen ging.
    fotos: villa grisebach

    Selbstporträt des verliebten Grafen Nikolaus Esterházy, das im Hintergrund jene Kutsche zeigt, mit der seine - von Heinrich Friedrich Füger als "Hebe" gemalte - Braut Marie-Françoise Roisin (oben) auf Reisen ging.

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