Zwickmühle für Wachstumskapital

23. Mai 2014, 11:42
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Heimische Risikokapitalfonds haben im Vorjahr einen dramatischen Interessenschwund erlebt

Wien - Heimische Risikokapitalfonds haben im Vorjahr einen dramatischen Interessenschwund erlebt. Die Fonds, die gerade wachstumsorientierte Unternehmen finanzieren sollen, haben im Vorjahr so wenig Kapital von Investoren eingesammelt wie seit 1995 nicht mehr. 20 Millionen Euro waren es, 88 Prozent weniger als noch 2012. Auch die Investitionen in die Unternehmen haben darunter gelitten, sie sind um immerhin 43 Prozent auf 88 Mio. Euro gefallen. Damit ist das investierte Volumen auf den niedrigsten Stand seit 1999 gefallen, zeigen die Zahlen der AVCO, der heimischen Dachorganisation der Beteiligungskapitalindustrie. Doch was heißt das für jene mittelständischen Unternehmen, die etwa eine Expansion oder eine Internationalisierung mit Wachstumskapital finanzieren möchten?

"Es ist zu befürchten, dass gerade junge Unternehmen, die wachsen wollen, spüren werden, dass weniger heimisches Wachstumskapital zur Verfügung steht", sagt Jürgen Marchart, Geschäftsführer der AVCO. Das geringe Fundraising werde die Investitionen in den kommenden Jahren eher dämpfen.

Marchart und auch andere Branchenvertreter führen die schwache Entwicklung auch auf die Umsetzung der europäischen Richtlinie für Alternative Investmentfonds Manager (AIFMD) zurück. Diese habe die heimischen Risikokapitalgeber unter Druck gebracht.

Restriktive Umsetzung

"Heimische Anbieter sind in einer Zwickmühle, weil das Gesetz in Österreich sehr restriktiv umgesetzt wurde", kritisiert Andreas Zahradnik, Partner bei der Anwaltskanzlei Dorda Brugger Jordis. Die Zwickmühle sieht so aus: Erst bei einer vollständigen (und aufwändigeren) Konzessionierung können heimische Fonds EU-weit vertrieben werden, doch hierzulande dürfen die Produkte ebenso nicht mehr an Privatpersonen oder über Privatplatzierungen verkauft werden. In anderen Ländern wurde zumindest der Vertrieb an "semiprofessionelle" Anleger anders geregelt, die etwa 100.000 Euro oder mehr investieren.

Übrig bleiben daher heimische Institutionen als Investoren. Doch auch hier war die Nachfrage schwach. So bestätigt Thomas Url, Ökonom am Wirtschaftsforschungsinstitut, dass Versicherer und Banken in einer aktuellen Umfrage kaum Investitionsinteresse an Risikokapitalfonds geäußert haben. Ein Grund sei, dass das Produkt nicht in das strenge Risikomanagement der internationalen Regelwerke gepresst werden kann.

Url betont aber, dass Risikokapitalfonds eine volkswirtschaftlich wichtige Rolle spielen: "Sie haben nicht nur eine Finanzierungs-, sondern auch eine Beratungsfunktion für Jungunternehmer." Schließlich würden sie Kontakte zu möglichen Kooperationspartnern, in die Rechts- und Patentszene haben, die jungen Unternehmen oft fehlt. Damit würden sie deren langfristiges Wachstum unterstützen.

Im Vorjahr konnte der heimische Engpass mit ausländischen Finanzmitteln ausgebessert werden. Laut AVCO-Zahlen haben ausländische Wachstumskapitalgeber immerhin 472 Millionen Euro in heimische Unternehmen investiert, das sind um 146 Prozent mehr als im Jahr davor. "Das zeigt, dass es attraktive Investmentmöglichkeiten in der österreichischen Unternehmenslandschaft gibt", sagt Marchart. "Das Geld ließe sich sicher investieren." (Lukas Sustala, DER STANDARD, 23.5.2014)

  • Engpass: Versicherer und Banken äußern kaum Investitionsbereitschaft in Risikokapitalfonds.
    foto: ap/jörg koch

    Engpass: Versicherer und Banken äußern kaum Investitionsbereitschaft in Risikokapitalfonds.

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