EU-Experten zur Schadenbewertung bereits in Serbien 

24. Mai 2014, 14:06
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EU-Regionalkommissar Hahn besucht betroffene Gebiete

Belgrad/Sarajevo/Zagreb/Wien - Nach dem Jahrhunderthochwasser auf dem Balkan stehen den Flutopfern nun kräftezehrende Aufräumarbeiten bevor. In den Überschwemmungsgebieten in Serbien, Bosnien und Kroatien wurden Tausende Häuser beschädigt - viele von ihnen werden wohl nie mehr bewohnbar sein. In Serbien wurden unterdessen sechs weitere Leichen entdeckt, damit stieg die Zahl der Todesopfer insgesamt auf dem Balkan auf 57 an.

Die Zahl der Hochwasser-Toten in Serbien wurde nun mit 33 angegeben. Befürchtet wurde allerdings, dass noch weitere Leichen gefunden werden. In der landesweit am schlimmsten betroffenen Stadt Obrenovac müssen Rettungsteams noch eine ganz Siedlung durchsuchen. Das Rote Kreuz, das bemüht ist, die Vermisstenlisten auf dem aktuellsten Stand zu halten, meldete am Freitag 73 Menschen, die bis jetzt nicht gefunden wurden. In Serbien sind nur etwas mehr als sechs Prozent der Haushalte und acht Prozent des Ackerlandes gegen Hochwasserschäden versichert. Von den katastrophalen Überflutungen sind nach offiziellen Angaben 1,6 Millionen Menschen betroffen.

Bedeutende Hilfen aus EU-Fonds

EU-Experten, die serbischen Behörden bei der Bewertung des durch katastrophale Überschwemmungen angerichteten Schadens helfen sollen, sind bereits vor Ort. EU-Regionalkommissar Johannes Hahn erklärte dies am Samstag nach einem Treffen mit dem Ministerpräsidenten Aleksandar Vucic in Belgrad.

Für Angaben über die Finanzmittel, welche Serbien aus dem EU-Solidaritätsfonds erwarten könne, sei es noch zu früh. Es werde sich um bedeutende Hilfe handeln, allerdings müssten zuerst der Schaden sowie die dringenden Maßnahmen und Prioritäten festgelegt werden, erläuterte EU-Regionalkommissar.

EU-Beitrittskandidat Serbien werde bereits als Mitglied behandelt und man werde alles unternehmen, um ihm zu helfen, präzisierte Hahn im Hinblick auf den Solidaritätsfonds.

Hahn besucht betroffene Regionen

Serbische Behörden haben laut einer Aussendung aus dem Kabinett des Außenministers Ivica Dacic von Hahn auch die Zusicherung erhalten, dass die EU-Kommission schleunigst daran arbeiten werde, Serbien die Inanspruchnahme von Finanzmitteln aus der Beitrittshilfe (IPA) zu ermöglichen.

Wie Regierungschef Vucic erläuterte, würde es sich um die in den Jahren 2011 und 2012, zum Teil auch 2013 zur Verfügung gestellten IPA-Finanzmittel handeln, die aus Mangel an Projekten nicht in Anspruch genommen worden seien.

EU-Regionalkommissar soll am Nachmittag einige der meist betroffene Regionen, unter anderem Obrenovac und Sabac, wo auch österreichische Retter im Einsatz sind, besuchen.

"Wichtiger Beitrag"

"Neben der Zerstörung durch die Überschwemmungen ist jetzt vor allem der akute Mangel an sauberem Trinkwasser eine Gefahr für die Menschen. Wir haben die Experten und das nötige Equipment, um hier zu helfen und werden so schnell wie möglich in den Einsatz gehen", erklärte Verteidigungsminister Gerald Klug (SPÖ). Außenminister Sebastian Kurz (ÖVP), der seit dem vergangenen Wochenende mit dem serbischen Premierminister Aleksandar Vucic und dem bosnischen Außenminister Zlatko Lagumdzija in Kontakt steht, bezeichnete die Entsendung des Kontingents als "wichtigen Beitrag, um die Trinkwasserversorgung der Bevölkerung zu unterstützen".

40 österreichische Soldaten sind im Rahmen der EU-Mission EUFOR/ALTHEA bereits seit vergangenem Wochenende in Bosnien im Kampf gegen die Wassermassen im Einsatz. Das Bundesheer stellte auch vier Hubschrauber zur Verfügung, mit denen mehr als 800 Menschen evakuiert und Notfallkrankentransporte durchgeführt wurden.

Kadaver und Minen

Gefährdung für die Gesundheit der Menschen in den betroffenen Gebieten bringt auch die Seuchengefahr durch die Kadaver Tausender Tiere, die während der Überschwemmungen verendet sind. Bosnien verfügt nicht über ausreichend Anlagen für deren Vernichtung. Zivko Budimir, Präsident der Bosniakisch-Kroatischen Föderation hat am Freitag Kroatien um Hilfe ersucht. Serbien hatte sich schon Anfang der Woche bereit erklärt, Tierkadaver in seinen Anlagen zu vernichten.

Viele Landminen aus den Jugoslawien-Kriegen wurden durch die Fluten fortgespült und landeten an zuvor unverdächtigen Orten. Um den Geruch des Sprengstoffs TNT in den Minen zu erschnüffeln könnten auf dem Balkan nicht mehr nur Spürhunde als Minensucher zum Einsatz kommen, sondern auch Honigbienen. Französische und kroatische Forscher haben Bienen darauf trainiert, den Geruch zu erkennen. Ab Mitte Juni soll ein Feldversuch mit einem ganzen Bienenvolk von rund 30.000 Tieren starten, finanziert aus EU-Mitteln.

Weniger als zehn Prozent versichert

Wie am Freitag bekannt wurde, sind in Serbien nur etwas mehr als sechs Prozent der Haushalte und acht Prozent des Ackerlandes gegen Hochwasserschäden versichert.

Auch die meisten Kfz-Eigentümer werden wohl auf den Schäden sitzen bleiben: Von gut zwei Millionen Fahrzeugen in Serbien sind nur rund 150.000 auch kaskoversichert. Techniker wiesen darauf hin, dass bei Autos, die unter Wasser standen, mit einem Totalschaden zu rechnen sei.

Eine Milliarde Euro Schäden

Die Hochwasserschäden wurden von Behörden zunächst mit etwa einer Milliarde Euro beziffert. Nach Angaben von Vucic mussten den ersten Schätzungen zufolge die Stromwirtschaft und die Landwirtschaft den größten Schaden hinnehmen. In der Stromwirtschaft wird dieser vorläufig auf 200 Mio. Euro geschätzt, in der Landwirtschaft auf 500 Mio. Euro.

Klimaerwärmung erhöht Hochwasserrisiko

Wie Forscher der Technischen Universität (TU) Wien errechneten, war ein geringer Temperaturunterschied im Atlantik zwischen den nördlichen und südlichen Regionen des Ozeans der Auslöser des verheerenden Hochwasser am Balkan. Die Wahrscheinlichkeit dafür steige aufgrund der Klimaerwärmung, warnte der TU-Hochwasserexperte Günter Blöschl.

Die gewöhnlichen zonalen Westwinde wurden in weiterer Folge abgeschwächt und es bildete sich eine dominantere Nord-Süd-Komponente der Luftströmung. Dabei können Wirbel abreißen, stationär werden und ungewöhnlich lange über einer Region verharren, so die TU-Wien. Genau das sei in den vergangenen Wochen über dem Balkan geschehen. Regenwolken, die in gewöhnlichen Wettersituationen weiterziehen würden, blieben über dem Balkan gefangen und sorgten für gewaltige Niederschlagsmengen.

"Wenn Luft zwischen heißen äquatornahen Gebieten und der kalten Polarregion strömt, bewegt sie sich nicht auf einer geraden Süd-Nord-Linie, sie wird durch die Corioliskraft aufgrund der Erdrotation abgelenkt", erläuterte Blöschl vom Institut für Wasserbau und Ingenieurhydrologie. Wie Zahnräder greifen mehrere globale Luftbewegungen ineinander. In unseren Breiten beobachtet man normalerweise eine planetarische zonale Luftströmung von West nach Ost. Diese Strömung ist allerdings nicht völlig gleichmäßig, da die Corioliskraft sich mit dem Breitengrad ändert, wodurch sogenannte Rossby-Wellen entstehen, die sich nach Westen bewegen - in die Gegenrichtung zur vorherrschenden planetarischen Strömung, so die nähere Erklärung. (APA/red, derStandard.at, 23.5.2014)

  • In Serbien sind die Flutschäden enorm.
    foto: apa

    In Serbien sind die Flutschäden enorm.

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